Die Mosel – eine weltberühmtes Weinbaugebiet im Wandel
Wer an die Mosel und an Wein denkt, dem dürften die teils extremen Steilhänge ebenso in den Sinn kommen wie große Spätlesen und Auslesen der Paraderebsorte Riesling. Die Mosel, das ist der Fluss selbst, das sind als Anbaugebiet aber auch die Zuflüsse Saar und Ruwer, das ist die Mittelmosel mit zahlreichen weltbekannten Lagen auf Schieferböden, das ist die Terrassenmosel mit ihren oft schwindelerregend steilen Parzellen nahe Koblenz, aber auch die von Kalk geprägte Obermosel, wo der Elbling häufiger vorkommt als der Riesling. Zusammen bildet all das das traditionsreichste und international bekannteste Anbaugebiet Deutschlands.
Aufstieg, Fall und neue Reputation
Der Weinbau an der Mosel, so weiß man heute, ist noch älter als die Zeit der römischen Besatzung. Schon im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung haben die Kelten an den Ufern Wein angebaut. In größerem Maße aber wurde dies erst betrieben, als die Römer im Jahr 16 v. Chr. "Augusta Treverorum", das heutige Trier gründeten. Die weitere Geschichte verlief ähnlich zu anderen Weinbaugebieten Mitteleuropas. Nach den Römern gab es lange Zeiten der Wirren, bis regionale Fürsten, später die Franken und mit ihnen die Klöster eine neue Struktur etablierten. Sie waren es auch, die bis ins 19. Jahrhundert hinein die Qualität des Weinbaus an der Mosel prägten und viel Land besaßen. Das endete abrupt mit der Eroberung der Region durch Napoleon ab 1802. Er ließ die Klöster säkularisieren und verkaufte deren Besitz. Gleichzeitig führte er die Realteilung ein, die zur Folge hatte, dass durch dieses Erbrecht der Besitz durch die Generationen immer kleiner und kleiner zu werden drohte.
Als das Gebiet 1815 preußisch wurde, begann eine neue Ära der Systematisierung durch erste Lagenklassifizierungen und staatliche Domänen. Der Riesling war zu diesem Zeitpunkt bereits die dominante Sorte – gestützt durch ein Dekret des Trierer Erzbischofs Clemens Wenzeslaus von 1787, das den Anbau dieser Rebe auf Kirchengrund sogar vorschrieb. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden die besten Rieslinge der Mosel oft teurer verkauft als Bordeaux, Burgund und Champagner. Doch hielt dies nicht lange an, denn dem Hoch folgte bald die Flaute durch Kriege, Weltwirtschaftskrisen und die Zerstörung der jüdisch geprägten Handelsstrukturen. Nach dem 2. Weltkrieg war das Anbaugebiet nur noch ein Schatten seiner selbst und es wurde lange nicht besser. Die chemische Industrie und die Kellertechnik drängten in den Markt und der Riesling wurde an vielen Orten durch Müller-Thurgau und andere Massenträger verdrängt. Damit einher ging ein Umbau des Tals Richtung günstigem Tourismus, und das pittoreske Bild wurde zunehmend durch Massen an Campingplätzen gestört. Gute Gastronomie, die zu einem hochklassigen Weinbaugebiet dazugehört, war Mangelware. Stattdessen gab es die Schankwirtschaften für den Direktkonsum vor Ort.
Wenn man gesucht hat, fand man jedoch die gesamte Zeit über auch die andere Seite. Die der aufrechten familiengeführten Weingüter, die nie von ihrem Qualitätsbewusstsein abwichen und den Geist der klassischen Mosel-Prädikate wie Kabinett, Spätlesen und Auslesen bewahrten. Es sind Weingüter wie das der Witwe Thanisch Dr.H., dessen Tradition bis ins Jahr 1636 zurückreicht und sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts einen exzellenten Ruf erworben hatte. Ebenso das heutige Weingut Schloss Lieser, das von Thomas Haag geführt wird, aber lange zum Besitz des Freiherrn von Schorlemer gehörte. Solche Weingüter haben den Ruf der Mosel vor allem im Ausland aufrechterhalten, während deren Erzeugnisse im Inland lange weit weniger gefragt waren. Mit dem 21. Jahrhundert hat sich neben den klassischen Prädikaten dann auch immer mehr der trockene Stil durchgesetzt, dessen größte Weine als sogenannte "Große Gewächse" gefüllt werden.
Die Wiederauferstehung des Spätburgunders
Und noch etwas hat sich verändert: der Spätburgunder. Obwohl er im 19. Jahrhundert noch eine so große Rolle gespielt hat, dass auch für ihn eine Preußische Lagenkarte und Klassifizierung erstellt wurde, hat man den Anbau im Jahr 1934 verboten. Die Gründe dafür sind recht nebulös. Aufgehoben hat man dieses Verbot erst wieder 1988. Es hat eine Zeit gedauert, bis der Pinot Noir an der Mosel wieder Aufschwung erlebt hat. Doch gerade in den letzten Jahren gibt es einen enormen Qualitätsschub, für den unter anderem Daniel Twardowski verantwortlich ist. Dieser Name war bis ca. 2017 nur einer kleinen Gruppe von Weinliebhabern geläufig, die bei ihm gekauft haben, denn er hatte sich einen Namen als Händler seltenster gereifter Weine, vornehmlich aus dem Burgund gemacht. Irgendwann juckte es ihn, einen ersten Weinberg auf Pinot umzuveredeln und nach einer Lernphase entstanden die ersten großartigen "Pinot Noix". Heute werden seine Weine hoch bewertet und selbst in Paris getrunken – ein Ritterschlag für deutschen Spätburgunder – auch wenn hier das Rebmaterial natürlich aus dem Burgund stammt. Ebenso die Fässer, die von den besten Domaines Burgunds erworben werden.
Das einzigartige Terroir
Mit Neigungen von bis zu 65 Grad, wie am Bremmer Calmont, finden sich an der Mosel die steilsten Weinberge der Welt. Es ist eine Arbeit auf des Messers Schneide, gefährlich, immer wieder tödlich und doch wird sie weiter betrieben, denn die Ergebnisse bekommt man sonst nirgendwo auf der Welt. Geologisch gesehen gibt es einen Bruch zwischen der Obermosel und allen anderen Teilen des Gebiets. Die Obermosel, im Dreiländereck mit Frankreich und Luxembourg gelegen, gehört noch zum so genannten Pariser Becken, zu dem auch die Champagne, das Chablis und auch Sancerre und Pouilly-Fumé gehören. Hier ist Muschelkalk Trumpf und dementsprechend finden sich Burgunderrebsorten sowie der Elbling, eine der ältesten und lange Zeit wichtigsten Rebsorten Deutschlands.
Prägend ist der Schiefer
Zwischen Obermosel und Trier bei Konz beginnt das so genannte Rheinische Schiefergebirge. Die Geologie verändert sich und es treten unterschiedliche Arten von Devonschiefer an die Oberfläche, der durch unterschiedliche Mineralgehalte grün, blau, grau oder rot gefärbt wurde und entsprechend unterschiedliche Charaktere in den Wein bringt. Während in den Steilhängen der Riesling vorherrscht und in manchen Bereichen zunehmend auch der Pinot Noir, findet man in den flacheren Randlagen auf Kies- und Sandböden weiterhin Müller-Thurgau, Kerner, Bacchus oder Grauburgunder.
Dutzende weltberühmter Weinberge
Über 237 Kilometer schlängelte sich der Fluss zwischen Trier und Koblenz durch die Landschaft – auch wenn es Luftlinie nur rund 100 Kilometer sind. Ein berühmter Weinort folgt dem nächsten und die bekanntesten Weinlagen sind mit Lettern geschmückt, die den Namen verraten oder man findet beispielsweise eine Sonnenuhr sowohl im Weinberg wie im Namen. Wer kennt sie nicht, die "Trittenheimer Apotheke", das "Piesporter Goldtröpfchen", den "Berncasteler Doctor", den "Ürziger Würzgarten" oder die "Wehlener Sonnenuhr"? Dazu kommen Lagen wie der "Saarburger Rausch" oder der "Scharzhofberg" an der Saar sowie der "Eitelbacher Karthäuserhofberg" und der "Maximin Grünhaus Abtsberg" an der Ruwer. Es sind Weinberge, die oft seit einem Jahrtausend bewirtschaftet werden und fest in der Kultur der Region, ja der weltweiten Weinkultur verankert sind. Dort entstehen bis heute klassische Weine im Stil eines Kabinett, einer Spätlese, Auslese, Beerenauslese oder Trockenbeerenauslese sowie trockene Kabinette, Spätlese oder Große Gewächse. Es sind rassige Weine mit vergleichsweise wenig Alkohol und einem oft immensen Reifepotenzial.
Die Mittelmosel verfügt über rund 8.000 Hektar – zu viel für heutige Maßstäbe, die Ruwer ist mit nur 200 Hektar klein, aber fein, und typisch für ihre Weine ist die prägnante Säurestruktur. Die Saar hingegen liefert auf 750 Hektar Weine mit einer ganz eigenen, kühlen Salzigkeit, gewachsen auf graublauem Hunsrückschiefer. Die Terrassenmosel zwischen Zell und Koblenz bildet mit ihren kleinteiligen, schwindelerregenden Terrassen den spektakulären Abschluss. Hauptort ist Winningen, wo sich neben den klassischen Erzeugern auch eine wachsende Szene von Naturweinwinzern etabliert hat.
Fazit
Die Mosel ist bis heute ein klassisches Monument des Weinbaus, zeigt aber deutlicher denn je, dass auch eine solche Region immer wieder Wandlungen durchläuft. Die Zahl der Winzer, die den Aufwand in den Steillagen aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht mehr rechtfertigen können, steigt, denn die Preise sind im Gegensatz zum 19. Jahrhundert bei weitem nicht mehr mit Burgund, Bordeaux oder Champagne vergleichbar. Der Klimawandel macht sich an der Mosel natürlich ebenso bemerkbar wie in anderen Landesteilen, vor allem durch Starkwetterereignisse. Gleichzeitig kommen junge Winzer an, bringen Erfahrungen aus anderen Regionen mit und damit neue Einflüsse, Stile und eine neue Energie. Und die Weine waren sicher nie so gut wie heute.









