Weinland USA – Regionen, Rebsorten und Stilistik
Die USA zählen seit den 1970er Jahren zu den wichtigsten Weinländern der Welt und haben seit dieser Zeit einen enormen Aufschwung erlebt. Vorreiter war und ist Kalifornien mit einem Drittel der heute rund 450.000 Hektar Rebfläche. Oregon und Washington State sind nachgezogen. Mittlerweile gibt es Weinbau in jedem einzelnen Bundesstaat der USA. In Staaten wie Alaska oder Hawaii mag das noch experimentell verlaufen, doch Gebiete wie die Finger Lakes oder Arizona bringen längst bekannte Weine hervor. Beeindruckend sind vor allem der Wandel, den das Land vollzogen hat, und die Bandbreite, die es bedient: vom technischen Weinbau großer Konzerne zum ausdrucksstarken „hands off“ kleiner Erzeuger.
Was amerikanischen Wein definiert
Amerikanischer Wein ist geprägt von Offenheit und Experimentierfreude. Man hatte hier nie die einschränkende Tradition europäischer Weingesetzgebung, teils jahrhundertealter Stilvorgaben oder gewachsener Klassifikationen. Rebsorten spielen traditionell ebenso eine zentrale Rolle wie Herkunft und Terroir. Technisch gesehen ist der US-amerikanische Weinbau auf dem neuesten Stand, mit Drohnen, Satelliten und Messstationen, die die Weinberge überwachen, sowie präziser Kellertechnik. Gleichwohl hat sich ein Weinbau entwickelt, der diese Mittel oft in den Dienst einer nachhaltigen Bewirtschaftung stellt, Ressourcen schont und versierten Önologen den Freiraum lässt, charaktervolle Weine zu erzeugen. Viele Weine verbinden Reife und Konzentration mit Frische und Klarheit – zunehmend weniger opulent, dafür differenzierter und herkunftsbezogener.
Wie sich amerikanischer Wein entwickelt hat
Der Weinbau in den USA begann im 18. und 19. Jahrhundert. Weintrauben gab es jedoch schon vorher. So hat der europäische Entdecker Leif Eriksson Amerika „Vinland“ genannt. Und auch die deutlich später eingetroffenen Spanier rund um Christoph Kolumbus haben von Mengen an Trauben gesprochen, die von Bäumen herabhingen. Tatsächlich gibt es in den USA jede Menge Sorten der „Vitis labrusca“, die jedoch nicht für den Weinbau geeignet sind – wohl aber als Unterlagsreben, weil sie reblausresistent sind, und zudem als Kreuzungspartner für pilzresistente Reben, sogenannte Piwi.
Junípero Serra gilt als erster Weinbauer des Kontinents. Er war Mönch in der Missionsstation San Diego in Kalifornien und baute ab 1769 die spanische Sorte Listán Prieto an. Der aus Österreich-Ungarn stammende Ágoston Haraszthy brachte in den 1860er Jahren Zehntausende europäischer Stecklinge in die USA, vor allem nach Kalifornien. Eine davon dürfte auch der aus Kroatien stammende Tribidrag gewesen sein, der später in Kalifornien als Zinfandel berühmt wurde und dieselbe Genetik besitzt wie der Primitivo. Haraszthy gründete die Buena Vista Winery, dazu kamen Weingüter wie Charles Krug, Paul Masson oder Chateau Montelena. Der Weinbau erlebte jedoch mit der Prohibition (1920–1933) einen massiven Bruch.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein nachhaltiger Wiederaufbau ein. Robert Mondavi, Joe Heitz, Mike Grgich von Chateau Montelena, Paul Draper von Ridge Vineyards, André Tchelistcheff oder Warren Winiarski wurden zu den ersten Protagonisten einer neuen Zeit. Sie hatten sich ihr Wissen meist in Europa erworben, dort aber auch erkannt, dass man der Zeit hinterherhinkte. Das wurde 1976 klar, als kalifornische Weine beim sogenannten „Judgment of Paris“ in einer Blindverkostung, an der vor allem französische Weingutsbesitzer und Journalisten teilnahmen, renommierte französische Grands Crus aus Burgund und Bordeaux schlugen. Bei den Rotweinen gewann ein Cabernet Sauvignon aus dem Stag’s Leap District, bei den Weißweinen ein Chardonnay von Chateau Montelena. Während die Franzosen diese Schmach zu vertuschen versuchten, verhundertfachten sich die Bodenpreise im Napa Valley teilweise über Nacht. Es war zwar nicht die Geburtsstunde des modernen kalifornischen Weinbaus, aber dessen „Coming-out“.
Wurden in den 1970er Jahren vor allem feine, teils schlanke Weine erzeugt, bekamen sie später den Ruf, Blockbuster zu sein: schwer und extrahiert, dazu gerade bei den Weißweinen oft mit Opulenz, viel Vanille und Eiche. Diese Weine gibt es auch heute noch, dazu entstehen längst wieder präzise, feine, elegante und hochkomplexe Weine, die oft aus Höhenlagen stammen oder nahe der Küsten erzeugt werden. Vor allem aber gibt es zeitlos wirkende Klassiker wie den „Monte Bello“ von Ridge oder die „Special Selection“ von Caymus Vineyards, die mittlerweile seit Jahrzehnten für einen zeitlos klaren kalifornischen Cabernet-Stil stehen.
Die wichtigsten Weinregionen der USA
Kalifornien
Der kalifornische Weinbau ist eine Welt für sich. Er erstreckt sich über rund 320.000 Hektar – Deutschland besitzt nicht mal ein Drittel davon – und über 1.300 Kilometer, während Deutschland als Ganzes sich in seiner Nord-Süd-Ausdehnung gerade einmal über 870 Kilometer erstreckt. Hinzu kommen fünf Klimazonen, während es in Deutschland nur zwei für den Weinbau gibt. Region 1 umfasst Mendocino, Carneros (bekannt für Schaumwein), Santa Cruz oder Monterey und liegt auf einer Höhe mit Mosel oder Burgund. Region 2 erinnert eher an Bordeaux oder Piemont und umfasst Napa und Sonoma. Region 3 umfasst vor allem das nördliche Napa Valley und ist vergleichbar mit Rhône und Maremma. Region 4 ist dann schon mit Languedoc und Roussillon vergleichbar und umfasst das Central Valley sowie San Diego. Region 5 mit dem südlichen Teil des Central Valley und Southern California erinnert eher an Tunesien und Marokko.
So komplex das Klima ist, so vielfältig ist das Angebot. Einerseits gibt es im reichsten Staat der USA Großkonzerne oder Gruppen wie Constellation Brands, E. & J. Gallo, The Wine Group, Foster’s Wine Estates, Trinchero Family Estates, die Jackson Family und Bronco Wine Company, die zusammen rund zwei Drittel des gesamten US-Weins erzeugen, andererseits Boutique-Wineries mit zwei bis drei Hektar, was jedoch eher eine Seltenheit ist. Typische kalifornische Weingüter verfügen eher über 20 bis 40 Hektar.
Wie sehr sich der Weinbau im Laufe der Zeit verändert hat, kann man beispielsweise bei Ridge in Sonoma County nachvollziehen. Dort hat man einerseits direkt mit Cabernet Sauvignon (für den berühmten „Monte Bello“) und Zinfandel begonnen, aber Ende der 1960er Jahre auch noch mit Silvaner und Riesling experimentiert. Inzwischen sind die deutschen Weißweintrauben verschwunden, stattdessen findet man Grenache Rouge und Grenache Blanc, Carignan, Falanghina, Roussanne und Viognier. Auch die Tatsache, dass Ridge vor wenigen Jahren beinahe einem Waldbrand zum Opfer gefallen wäre, ist Teil der Herausforderungen der heutigen Zeit.
Oregon
Der Weinbau in Oregon wurde parallel zu dem im benachbarten Kalifornien im 19. Jahrhundert begründet. Auch hier führte die Prohibition den Weinbau zum Erliegen. Neu aufgenommen wurde er in den 1960er Jahren, vor allem durch Richard Sommer mit der HillCrest Winery, David Lett mit den Eyrie Vineyards und Dick Erath mit den Erath Vineyards. Sie setzten aufgrund des Terroirs – und entgegen der Meinung der Weinbauabteilung der University of California – auf Pinot Noir und Chardonnay, was sich als erfolgreich erwies. Geprägt wird der Weinbau vor allem vom kühlen, maritim beeinflussten Klima des pazifischen Nordwestens. Zentrale Region ist das Willamette Valley, das als eine der besten Pinot-Noir-Herkünfte außerhalb Burgunds gilt. Viele Weine zeichnen sich durch einen vergleichsweise niedrigen Alkohol, eine feine Säure und große Trinkfreude aus.
Washington State
Im Nordwesten der USA liegt der Washington State, der mittlerweile das zweitgrößte Anbaugebiet der USA umfasst. Noch in den 1980er Jahren war mit rund zehn Weingütern kaum etwas existent, heute sind es eher 100-mal so viele, mit mehr als 60.000 Hektar und 80 Rebsorten. Die wichtigsten Rebsorten östlich der Cascade Mountains sind Riesling, Chardonnay, Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah, die in den Bereichen Walla Walla sowie Columbia Gorge und Columbia Valley, die jeweils bis nach Oregon reichen, in den Horse Heaven Hills, in Puget Sound, in den Rattlesnake Hills, in Red Mountain und im Wahluke Slope angebaut werden. Es ist ein kontinentales Klima mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht, die für Struktur und Aromatik sorgen.
Dieser Extremweinbau mit bis zu 17 Sonnenstunden pro Tag ist nur möglich im Regenschatten der bis zu 4.400 Meter hohen Olympic und Cascade Mountains. Besonders, ja geradezu einzigartig, wird er durch die Geologie. In Washington State spuckten Vulkane vor Millionen von Jahren gewaltige Mengen Basalt aus, der teilweise mehrere Kilometer tief in die Erde reicht. Darüber bildeten sich einst durch riesige Überschwemmungen Schichten aus Schluff, Sand und Kies auf dem Gestein.
New York State
In eine ganz andere Ecke der USA kommt man, wenn man den Weinbau im New York State besucht. Er konzentriert sich vor allem auf kühlklimatische Regionen im Norden und Osten des Bundesstaates. Die Finger Lakes gelten dabei als qualitatives Zentrum, geprägt von tiefen Seen, die als Wärmespeicher wirken und Frost abmildern. Riesling ist hier die Leitrebsorte der Region und bringt besonders präzise, säurebetonte und langlebige Weine hervor. Daneben spielen auch Cabernet Franc, Chardonnay und zunehmend Pinot Noir eine wichtige Rolle. New York steht für elegante, frische Weine mit klarer Herkunft und starkem Bezug zu europäischen Cool-Climate-Stilistiken.
Typische Rebsorten der USA
Die USA verfügen über einen breit gefächerten Rebsortenspiegel. Da die heimischen Rebsorten keine hochklassigen Weine hervorzubringen vermögen, ist dieser stark von europäischen Sorten geprägt. Cabernet Sauvignon und Chardonnay gelten als die international bekanntesten Rebsorten und bilden das Rückgrat vieler Spitzenweine, insbesondere in Kalifornien. Pinot Noir spielt zusammen mit Chardonnay vor allem in kühleren Regionen wie Oregon, Sonoma Coast oder Santa Barbara eine zentrale Rolle.
Zinfandel nimmt als historisch gewachsene US-Sorte eine Sonderstellung ein und wurde lange als autochthon angesehen. Dies hat sich nicht bestätigt, sie gilt aber trotzdem als „die“ kalifornische Rebsorte schlechthin, mit einem kraftvollen, oft würzigen Charakter. Ergänzt wird das Spektrum durch Rebsorten wie Merlot, Syrah und Riesling, die je nach Region sehr unterschiedliche Stilistiken hervorbringen.
Amerikanischer Wein als Speisenbegleiter
Amerikanische Weine – und vor allem deren Bandbreite – sind als Speisenbegleiter viel flexibler einzusetzen, als man früher dachte. US-Wein wurde gerne zu Steak und Barbecue gereicht, und das hat auch durchaus seine Berechtigung. Doch Pinot Noir aus kühleren Regionen eignet sich hervorragend zu Geflügel, Pilzgerichten und moderner Gemüseküche. Chardonnay mit moderatem Holzeinsatz begleitet Fisch, Meeresfrüchte sowie cremige, aber nicht schwere Gerichte sehr stimmig. Rieslinge aus Washington State oder den Finger Lakes überzeugen durch Säure und Präzision und passen gut zu asiatisch inspirierten Speisen. Insgesamt haben amerikanische Weine mit zunehmender stilistischer Zurückhaltung deutlich an gastronomischer Flexibilität gewonnen.
Fazit
Der Weinbau in den USA hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einer stark stil- und markengetriebenen Industrie zu einer zunehmend differenzierten Herkunftslandschaft entwickelt. Neben technischer Präzision und Innovationsfreude rücken heute Terroir, Lagenverständnis und nachhaltige Bewirtschaftung immer stärker in den Vordergrund. Während Kalifornien weiterhin das wirtschaftliche und internationale Zentrum bildet, haben Regionen wie Oregon, Washington State und New York eigenständige Profile mit klarer stilistischer Handschrift entwickelt. Amerikanische Weine zeigen dabei eine wachsende Bandbreite: von kraftvoll und strukturiert bis kühl, transparent und europäisch geprägt. Alte Rebanlagen, sorgfältige Klonselektionen und ein bewussterer Umgang mit Holz und Alkohol verändern das Bild spürbar.






