Argentinien – Anden, Höhenlagen und der lange Weg zum Renommee
Argentinien gehört heute zu den spannendsten Weinländern der Welt. Kaum ein anderes Land hat in so kurzer Zeit einen derart grundlegenden Wandel vollzogen: vom Erzeuger einfacher Massenweine hin zu einer Herkunft, die heute einige der präzisesten und charaktervollsten Weine der südlichen Hemisphäre hervorbringt. Maßgeblich dafür sind einerseits die extremen Bedingungen entlang der Anden – große Höhen, intensive Sonneneinstrahlung, kühle Nächte, Trockenheit – und ein enormer Reichtum an unterschiedlichen Böden, andererseits die gleichermaßen beeindruckenden Verhältnisse in Patagonien, wo ebenfalls Weinbau am Limit betrieben wird.
Die Anfänge – Missionare, Schmelzwasser und die ersten Reben
Die Geschichte des Weinbaus in Argentinien beginnt nicht mit Römern oder Griechen, sondern mit der spanischen Kolonialisierung Südamerikas. Im 16. Jahrhundert brachten Konquistadoren und Missionare die ersten Reben über die Anden nach Argentinien. Der Wein diente zunächst vor allem religiösen Zwecken; die katholische Kirche benötigte Messwein für die Missionierung der indigenen Bevölkerung.
Eine zentrale Rolle spielte dabei der Jesuitenpater Juan Cidrón, der Mitte des 16. Jahrhunderts Reben wie Criolla und Listán Prieto von Chile nach Argentinien brachte. Zunächst ließ er sich in Santiago del Estero nieder, später gelangte der Weinbau auch nach La Rioja, San Juan und schließlich nach Mendoza – bis heute das Herzstück des argentinischen Weinbaus.
Entscheidend war dort das ausgeklügelte Bewässerungssystem, das bereits von den Inka und damit von jener indigenen Bevölkerung genutzt worden war, die die Christen dann systematisch verfolgt, vertrieben und weitgehend ausgerottet haben. Schmelzwasser aus den Anden wurde über Kanäle in die trockenen Täler geleitet und machte Landwirtschaft überhaupt erst möglich. Diese Kombination aus Höhenlage, Trockenheit, mineralreichem Wasser und steinigen Böden prägt den Weinbau Argentiniens bis heute.
Vom Massenweinland zur Qualitätsnation
Über Jahrhunderte hinweg wurde Wein in Argentinien vor allem als unkompliziertes Alltagsgetränk konsumiert. Der Binnenmarkt war riesig, die Erträge enorm. In den 1970er Jahren standen zeitweise rund 350.000 Hektar unter Reben – deutlich mehr als heute und fast dreimal so viel wie damals in Deutschland. Die Weine wurden überwiegend in einfachen Liter- oder Zwei-Liter-Flaschen verkauft und schmeckten so, als seien sie mit Wasser versetzt worden, was auf Grund der irrsinnig hohen Erträge im Prinzip auch der Fall war – während des Wachstums.
Der eigentliche qualitative Umbruch begann erst nach dem Ende der Militärdiktatur in den 1980er Jahren. Mit dem sinkenden Inlandsverbrauch entstand der Druck, qualitativ hochwertigere Weine für internationale Märkte zu erzeugen. Gleichzeitig investierten ausländische Unternehmen in den argentinischen Weinbau, moderne Kellertechnik hielt Einzug, und die Winzer begannen, sich stärker mit Herkunft, Böden und Höhenlagen auseinanderzusetzen.
Malbec – die Signature-Rebsorte Argentiniens
Keine Rebsorte ist heute enger mit Argentinien verbunden als Malbec. Ursprünglich stammt sie aus dem französischen Südwesten, ist die Rebsorte des Cahors und spielte früher auch im Bordeaux eine wichtige Rolle. Nach der Reblauskatastrophe verlor sie dort jedoch massiv an Bedeutung. In Argentinien dagegen fand Malbec ideale Bedingungen.
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der französische Agronom Michel Aimé Pouget den Auftrag erhalten, geeignete französische Rebsorten für Mendoza zu identifizieren. Malbec erwies sich dabei als besonders erfolgreich. In der trockenen Höhenlage der Anden entwickelte die Sorte eine ganz eigene Stilistik: dunkle Frucht, reife Tannine, intensive Farbe und gleichzeitig überraschende Frische.
Der große internationale Durchbruch gelang allerdings erst deutlich später – vor allem durch Nicolás Catena Zapata. Der Visionär aus Mendoza erkannte in den 1980er Jahren, dass die Zukunft Argentiniens nicht in hohen Erträgen lag, sondern in präzisem Herkunftsweinbau. Inspiriert von Kalifornien und Persönlichkeiten wie Robert Mondavi setzte Catena konsequent auf niedrige Erträge, höhere Pflanzdichten und vor allem auf extreme Höhenlagen in den Anden. Damit veränderte er den Stil und das internationale Image des Landes nachhaltig.
Mendoza und die Bedeutung der Höhenlagen
Noch immer stammt der größte Teil des argentinischen Qualitätsweinbaus aus Mendoza. Die Region liegt westlich des Landes direkt am Fuß der Anden und vereint unterschiedlichste Höhenlagen und Bodentypen. Besonders bedeutend sind heute Gebiete wie das Uco Valley mit Orten wie Gualtallary, Altamira oder Los Chacayes.
Die Höhenlagen reichen dort oft bis weit über 1.000 Meter. Dadurch entstehen trotz intensiver Sonneneinstrahlung große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Die Trauben reifen langsam aus, behalten Säure und entwickeln gleichzeitig hohe aromatische Konzentration. Genau diese Verbindung aus Kraft und Frische macht viele Spitzenweine Argentiniens heute so attraktiv.
Hinzu kommen kalkhaltige und steinige Böden, die in vielen Regionen eine überraschende Mineralität und Präzision ermöglichen. Der moderne argentinische Weinbau definiert sich daher längst nicht mehr nur über Reife und Konzentration, sondern zunehmend über Herkunft und Eleganz.
Mehr als nur Malbec
So dominant Malbec auch ist – Argentinien besitzt deutlich mehr Vielfalt. Torrontés gilt als wichtigste weiße Rebsorte des Landes und zeigt besonders in den hochgelegenen Regionen von Salta ihre Stärke. Dort entstehen auf spektakulären Höhenlagen von teilweise über 2.000 Metern duftige, florale und zugleich erstaunlich frische Weißweine.
Daneben spielen Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Syrah und Chardonnay eine immer wichtigere Rolle. Gleichzeitig erlebt auch das historische Erbe des Landes eine Renaissance. Alte Criolla-Reben, lange Zeit nur für einfache Weine genutzt, werden heute von ambitionierten Winzern neu interpretiert.
Argentinischer Weinbau beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Mendoza. Die Rebflächen ziehen sich wie ein langes Band entlang der Andenkette – von Salta im Norden bis nach Patagonien im Süden. Regionen wie San Juan, La Rioja, Catamarca, Río Negro oder Neuquén besitzen jeweils eigene klimatische Bedingungen und Stilistiken.
Patagonien – kühler Süden mit großem Potenzial
Besonders spannend entwickelt sich seit einigen Jahren der Weinbau in Patagonien. Die Region liegt weit im Süden Argentiniens und umfasst vor allem die Provinzen Río Negro und Neuquén. Anders als in Mendoza prägen hier deutlich kühlere Temperaturen, starke Winde und eine lange Vegetationsperiode den Stil der Weine. Die Weinberge liegen häufig entlang der Flüsse Río Negro und Río Neuquén, deren Wasser die trockene Landschaft überhaupt erst für den Weinbau nutzbar macht. Dabei gibt es viele alte Weinberge und junge Weingüter wie die Bodega Chacra können auf einen beachtlichen Bestand alter Reben zurückgreifen.
Durch die kühlen Nächte und die vergleichsweise moderate Sonneneinstrahlung entstehen Weine mit niedrigerem Alkohol, feiner Säure und großer Eleganz. Besonders Pinot Noir und Chardonnay haben sich in Patagonien hervorragend etabliert, daneben entstehen zunehmend präzise Cabernet Francs und frische Merlots. Stilistisch erinnert manches eher an kühle Regionen Europas oder an Oregon als an das klassische Bild kraftvoller argentinischer Rotweine. Gleichzeitig sorgt die enorme Trockenheit dafür, dass Krankheiten kaum eine Rolle spielen und viele Weinberge wurzelecht stehen können. Patagonien gilt deshalb heute als eine der interessantesten Cool-Climate-Regionen der südlichen Hemisphäre. Nicht zuletzt, weil sich Menschen wie Piero Incisa della Rocchetta und damit ein Familienmitglied der „Sassicaia-Familie“ dort angesiedelt haben. Er hat sich früh den Burgundersorten verschrieben, auf Einladung von Peter Vinding Diers Anfang der 2000er erstmals dessen Weingut in Patagonien besucht und dann selbst 2004 die Bodega Chacra gegründet, wo er mittlerweile einige der besten Pinot Noirs der südlichen Hemisphäre erzeugt. Um dies auch mit Chardonnay erreichen zu können, hat er keinen geringeren als Jean-Marc Roulot der weltberühmten Domaine Roulot überzeugen können, diese Weine in Kooperation zu erzeugen.
Argentinien heute
Heute stehen in Argentinien rund 220.000 Hektar unter Reben. Das Land zählt damit weiterhin zu den größten Weinproduzenten der Welt. Gleichzeitig hat sich das Profil grundlegend verändert: weg vom anonymen Massenwein, hin zu einem Weinbau, der immer stärker auf Herkunft, Höhenlagen und Präzision setzt, aber auch wirtschaftlich, biologisch und sozial nachhaltig arbeiten möchte.





