Bordeaux – Heimat des Grand Cru Classé
Bordeaux – das ist eine Stadt und eine ganze Weinbauregion. Und natürlich ist es nicht irgendeine Region, sondern die bekannteste und neben dem Burgund wohl auch prestigeträchtigste Weinregion der Welt. Nirgendwo sonst ist die Dichte berühmter Weingüter so hoch wie in den Unterregionen Médoc, Graves, Pomerol oder St. Émilion. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass die Weinbaufläche viel zu groß ist und die ganze Region veränderten Trinkgewohnheiten Rechnung trägt: weniger Wein und noch viel weniger Rotwein, was sich besonders auf die Erzeuger einfacher Weine auswirkt.
Wer sich mit Wein beschäftigt, wird früher oder später bei Bordeaux landen. Man kommt kaum dran vorbei – und will es dann auch gar nicht mehr, wenn einen die Faszination gepackt hat. Das Schöne ist, dass es hier Qualitätsweine in allen Preisklassen gibt, auch wenn wir uns bei Alpina natürlich vor allem mit den "Crus Classés" beschäftigen. Rund 98.000 Hektar stehen rund um diese bedeutende französische Großstadt unter Reben. Also etwa so viel wie in ganz Deutschland. Bordeaux besitzt dabei eine Tradition und Geschichte, die sich fundamental von der im Burgund unterscheidet. Und so drückt sich das auch in den Weinen aus. Bordeaux: so gut wie immer Cuvées verschiedener Rebsorten, die Weingüter immer als Château bezeichnet, weil es der Adel oder Geldadel war und im obersten Segment auch noch ist, der die Weine auf wirklichen Schlössern erzeugt. Burgund: so gut wie immer reinsortig, immer Domaines und bis heute bäuerliche statt adlige Strukturen.
Die Engländer haben Bordeaux entscheidend geprägt
Begonnen hat es in Bordeaux, oder Burdigala, wie es damals hieß, mit den Römern gegen ca. 50 v. Chr. Im Gegensatz zum Burgund und vielen anderen Regionen aber waren es nicht die Klöster, die nach den Römern den Weinbau formten und ausweiteten, sondern vor allem der Adel, der später in der Stadt Bordeaux sein eigenes Parlament besaß. Und entscheidend für die Region war, dass sie von 1154 bis 1453 zu England gehörte. Die Engländer haben schon damals große Mengen an Wein importiert. Zunächst die „schwarzen Weine“ aus Cahors und Madiran, dann wurden die Weine aus Castillon populär. Und ausgerechnet dort fand am 17. Juli 1453 die entscheidende Schlacht der Rückeroberung der Region durch französische Truppen statt. Für lange Zeit wurden die Weine nicht etwa über den Hafen von Bordeaux, sondern über Libourne an der Dordogne gehandelt. Nach der Zeit der Engländer verschob sich der Weinbau Richtung Küste. Zunächst nach Graves bzw. Pessac-Léognan, wo die bis heute ältesten noch existierenden Weingüter Château Pape-Clément und Château Haut-Brion beheimatet sind. Pape-Clément wurde sogar noch zur Zeit der Engländer im Jahr 1252 gegründet, Haut-Brion "erst" 1521, war aber das erste, das seine Weine unter dem Terroir-Namen veräußert hat und nicht unter dem des Besitzers.
Ab dem 16. Jahrhundert hat sich neben dem Handel mit England auch immer mehr der Handel mit Flandern etabliert und von dort kamen Spezialisten ins Médoc, das zum damaligen Zeitpunkt noch ein Sumpfgebiet war. Sie haben es erfolgreich trockengelegt und es begannen sich die ersten Châteaux anzusiedeln. Im 17. Jahrhundert weitete sich das sogar zur "Fureur de planter", der Pflanzwut aus, sodass bald fast das gesamte Médoc unter Reben stand. Eine der treibende Kräfte war der Marquis Nicolas-Alexandre de Ségur, ein Name, der bis heute bekannt und in Namen verschiedener Châteaux zu finden ist.
Was es damals auch schon gab: Barrique-Größe von 228 Litern. Nicht etwa, weil es das optimale Ausbaumaß für den Wein gewesen wäre, sondern für die Hafenarbeiter, die alleine ein solches Fass bewegen konnten. Auch die besonderen Vertriebsstrukturen haben sich damals etabliert: Die Château-Besitzer verkaufen ihre Waren – damals Fasswein, heute Flaschen – an Handelshäuser. Zwischengeschaltet sind Makler, sogenannte Courtiers, die zwischen Weingütern und Handelshäusern vermitteln. Es gibt heute noch Handelshäuser, die damals entstanden sind.
Die Klassifikation von 1855
Das 19. Jahrhundert brachte zwei entscheidende Veränderungen mit sich: die Klassifikation von 1855 und die Folgen der Reblauskatastrophe. Die Klassifikation verlief nicht so, wie Kaiser Napoleon III. sich das gedacht hatte – mit Auswirkungen bis heute. Damals, vor der Pariser Weltausstellung von 1855, beauftragte er die Handelskammer von Libourne, "eine vollständige Liste der klassifizierten Bordeaux-Rotweine sowie unserer großen Weißweine" zu erstellen. So richtig ausführen wollte das aber keiner. Die Herren der Kammer gaben den Auftrag weiter an die Gilde der Courtiers. Diese ignorierten einen Teil des Auftrags, nämlich den, das gesamte Gebiet zu erfassen. Sie beschränkten sich auf Weine des Médoc sowie aus Sauternes und Barsac. Da es damals noch keine Kritiker-Bewertungen gab, klassifizierte man die Weine auf Basis der Preise, die für Weine im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gezahlt worden waren, und schuf ein Klassifikationssystem mit fünf Stufen für Rotweine mit 61 Weingütern und drei Stufen für die edelsüßen Weißweine mit 27 Châteaux. Beide Klassifikationen sind bis heute gültig.
Die exklusive Spitze der Rotweine umfasste damals lediglich die vier Premiers Crus Classés: Château Latour, Château Margaux, Château Lafite-Rothschild und als einziges Graves-Weingut Château Haut-Brion. Das Weingut Château Mouton-Rothschild wurde im Jahr 1973 nachträglich hochgestuft. Im Sauternes wurden damals elf Weingüter als Premier Cru Classé klassifiziert. Eines aber wurde der primus inter pares: Château d’Yquem hat als einziges den Status eines 1er Cru Classé Supérieur. Eine Klassifizierung der einfacheren Weingüter des Médoc erfolgte in den 1920ern. Diese Châteaux wurden als Cru Bourgeois bezeichnet. Die Rot- und Weißweine aus Graves bzw. Pessac-Léognan wurden 1953 bzw. 1959 klassifiziert, die Weine aus Saint-Émilion 1955.
Veränderungen bei den Rebsorten
Die Reblauskatastrophe hat die Region besonders hart getroffen, gleichzeitig aber dafür gesorgt, dass der moderne Bordeaux erschaffen wurde. Lange Zeit wurde der Bordeaux in England unter der Bezeichnung "Claret" geführt. In Abgrenzung zu den tiefschwarzen Weinen aus Madiran oder Cahors mit Rebsorten wie Tannat und Malbec wurde der Bordeaux anders ausgebaut. Er war heller und klarer und stammt eher aus Mischsätzen mit roten und weißen Sorten. Neben den heute bekannten Sorten Cabernet Franc, Malbec, Petit Verdot und Carménère gab es Sorten wie Castets, Tarbouriech, Pardotte oder Saint-Macaire. Und bei den weißen waren es neben Sémillon und Sauvignon Blanc Sorten wie Sauvignon Gris, Muscadelle, Blanc Doux, Prueras, Verdet und Rochalin. Cabernet Sauvignon und Merlot sind vergleichsweise junge Sorten und haben sich breitflächig erst mit der Wiederanpflanzung nach der Reblauskrise durchgesetzt. Bis in die 1960er Jahre hinein wurde in Bordeaux deutlich mehr Weißwein erzeugt als Rotwein. Das hat sich seitdem verändert und dürfte sich mit den veränderten Trinkgewohnheiten erneut in eine andere Richtung bewegen.
Heutzutage sind die wichtigsten Rebsorten Merlot (rund 66 % aller roten Sorten), Cabernet Sauvignon (ca. 22 %), Cabernet Franc und in kleinen Anteilen Petit Verdot, Malbec (Côt) und Carménère bei den roten sowie Sémillon (45 %), Sauvignon Blanc (43 %) und in kleinen Anteilen Muscadelle bei den weißen. Nebenrollen spielen Sauvignon Gris, Ugni Blanc und Colombard bei einfachen Weinen.
Seit kurzer Zeit aber sind mit Blick auf den Klimawandel weitere Sorten zunächst für einfache Weine zugelassen worden. Das sind Touriga National, Marselan, Castets und Arinarnoa für die roten und Alvarinho und Liliorila für die weißen. Zudem gibt es einen Versuchsanbau für die pilzwiderstandsfähigen Rebsorten Souvignier Gris und Sauvignac.
Unterregionen und Appellationen
Schaut man auf die Karte des Anbaugebiets, dann teilt es sich in vier Bereiche. Am linken Ufer der Gironde, dem großen Wasserbecken, an dem Bordeaux liegt, der so genannten "rive gauche", finden sich das Médoc oberhalb der Stadt und die Gebiete Graves, Pessac-Léognan, Barsac und Sauternes unterhalb. Im Médoc und dem sich überschneidenden Graves und Pessac-Léognan gibt es die große Fülle der Kategorie "Grand Cru Classé", aber auch der einfacheren Klassifikation "Cru Bourgeois" sowie Standardweine wie "Bordeaux Supérieur" und "Bordeaux AC". Vor allem in Pessac-Léognan und Graves sind die Weißweine den Rotweinen ebenbürtig. Weiter im Süden, in Sauternes und Barsac entstanden bis vor wenigen Jahren vor allem Dessertweine; heute werden es immer trockene Weißweine.
Zwischen den beiden Zuflüssen der Gironde, den Flüssen Dordogne und Garonne, liegt das große Gebiet Entre-Deux-Mers, also "zwischen den Meeren", was früher gleichbedeutend war mit "zwischen den Flüssen". Hier entstehen Rotweine der Klasse "Bordeaux AC" und "Bordeaux Supérieur" sowie Weißweine unter dem Titel "Entre Deux Mers". Die Gesamtfläche zwischen den Flüssen beträgt rund 23.000 Hektar mit rund 75 % roten Sorten.
Rechts der Gironde, der so genannten "rive droite", liegt das Libournais, benannt nach der früher so bedeutenden Handelsstadt Libourne. Hier befinden sich die beiden Top-Appellationen "Saint-Émilion" rund um das gleichnamige UNESCO Weltkulturerbe-Städtchen, wo man beispielsweise das Château Brun findet. Hinzu kommt die kleine Appellation Pomerol, Heimat des Château Clinet, des Vieux Château Certan und Château La Conseillante, in der die Weingüter selten über zehn Hektar hinauskommen, während sie im Médoc oft 60 Hektar und mehr besitzen. Darüber hinaus gibt es kleinere Appellationen rund um Saint-Émilion wie Puisseguin-Saint-Émilion, wo das Château La Vaisinerie seinen Besitz hat. Dazu kommen Blaye und Bourg, Fronsac, Castillon oder Francs mit den Château Puygueraud. Hier werden vor allem Rotweine erzeugt. Weißweine sind bis heute selten an der rive droite anzutreffen.
Qualitätsstufen
Die Qualitätsstufen in Bordeaux sind wie eine Pyramide aufgebaut. Die Basis bilden Bordeaux AC und Bordeaux AC Supérieur, Rosé, Clairet und Crémant, die weißen Blanc Sec und Entre-Deux-Mers. Darüber gibt es die Gebietsappellationen. An der rive droite sind das Côtes de Bordeaux, Côtes du Bourg, Côtes du Blaye, Castillon – Côtes de Bordeaux, aber auch Francs und Cadillac, an der rive gauche sind es Médoc, Haut-Médoc sowie Péssac-Léognan und Graves unterhalb von Bordeaux mit dem Château Smith Haut Lafite. Die dritte Stufe bilden die Ortsappellationen. Dazu gehören rechts zum Beispiel Saint-Émilion und Pomerol, Canon-Fronsac und Fronsac. Links der Gironde sind es Saint-Estèphe mit Weingütern wie die Châteaux Montrose, Haut-Marbuzet, Ormes de Pez oder Phélan Ségur; Pauillac mit den Châteaux Lynch-Bages, Pontet-Canet und Grand-Puy-Lacoste, Saint-Julien mit Branaire-Ducru, Leóville-Barton oder Beychevelle; Listrac-Médoc und Moulis mit Chasse-Spleen, Haut-Médoc mit Sociando-Mallet und Cantemerle sowie Margaux mit Palmer und Monbrison. Hinzu kommen die Süßwein-Orte Sauternes und Barsac. Innerhalb dieser Appellationen findet man Grand Cru Classé und auch Cru Bourgeois.
Diverse Terroirs führen zu unterschiedlichen Cuvées
Im Gegensatz zur Bourgogne sind Weine aus Bordeaux so gut wie immer Cuvées. Auf den Kiesbänken des Médoc, wo sich die Gironde im Laufe der Zeit zurückgezogen hat, dominiert der Cabernet Sauvignon vor dem Merlot. Unterhalb Bordeaux in Graves, wo es kalkreichere Böden gibt, sind Cabernet Sauvignon und Merlot meist gleichauf. Auf den lehmigeren Böden im Entre-Deux-Mers ist es immer der Merlot, der die Hauptrollen übernimmt. Genauso ist es im Libournais, wo sich Lehm und Kalk mischen. Dort ist der Cabernet Sauvignon nur selten anzutreffen und der Merlot wird begleitet vom Cabernet Franc. Bei den Weißweinen werden die jung und frisch zu trinkenden Weine meist vom Sauvignon Blanc dominiert. Die weißen Crus und die Süßweine verfügen häufig über ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Sémillon und Sauvignon Blanc. Hier ist weniger das Terroir ausschlaggebend als der Stil des jeweiligen Erzeugers.
Fazit
Bordeaux nimmt in der Welt des Weines eine Sonderstellung ein. Das Gebiet war über lange Zeit hinweg prägend, und das fast konkurrenzlos, da das Burgund nicht immer so angesagt war wie heute. Diese Zeiten haben sich geändert. Zwar ist Bordeaux weiterhin bedeutend und die Crus Classés waren nie so gut wie heute, doch ist die Weinwelt diverser geworden. Manche Regionen der Welt, die sich immer an Bordeaux orientiert haben, konnten eigene Stilistiken schaffen und Reputationen erwerben. Zudem spielen Historie und Tradition, die Bordeaux bietet, für immer weniger Weintrinker eine wichtige Rolle. Doch auch Bordeaux verändert sich mit der Zeit. Allein, wenn man auf dringend notwendige biologische und nachhaltige Wirtschaftsweise schaut, hat Bordeaux zwar lange gebraucht, um in Fahrt zu kommen, doch mittlerweile ist die Entwicklung dynamisch. Junge Winzer sorgen für neue Stile und gleichzeitig rücken die klassischen Erzeuger wieder von dem Parker-geprägten Blockbusterstil ab, der manche Weine in den 2000ern geprägt hat. Bordeaux war und ist einzigartig. Das drückt sich in einer beeindruckenden Balance von Kraft, Dichte, Noblesse und Eleganz aus. Wer sich diesen Weinen einmal angenähert hat, wird nicht wieder von ihnen lassen können.












