Châteauneuf-du-Pape – hier schlägt das Herz der Südrhône
Wenn es eine Appellation gibt, die wie keine andere für die südliche Rhône steht, dann ist es Châteauneuf-du-Pape. Kein anderer Name der Region besitzt weltweit eine vergleichbare Strahlkraft. Die markanten Flaschen mit dem päpstlichen Wappen, die sonnenverwöhnten Weinberge und die kraftvollen, würzigen Weine haben die Appellation zu einem Synonym für große Rhône-Weine gemacht.
Während die Nordrhône von steilen Granithängen und der Rebsorte Syrah geprägt wird, steht Châteauneuf-du-Pape für Vielfalt: unterschiedliche Böden wie die berühmten großen Kiesel, zahlreiche Rebsorten und eine Stilistik, die von beeindruckender Eleganz bis zu beinahe monumentaler Kraft reichen kann.
Robert Parker hat keinen Hehl daraus gemacht, dass Châteauneuf-du-Pape seine absolute Herzensregion war. Er liebte die Opulenz und die Kraft der Weine: „Kein Wein der Welt vermittelt die reine, ungefilterte Essenz des Mittelmeers so spektakulär wie ein großer Châteauneuf-du-Pape. Es sind monumentale, reichhaltige und zutiefst emotionale Weine, die mit ihrer Intensität den Geist des Südens einfangen.“ — Robert Parker, The Wine Advocate
Mit rund 3.200 Hektar Rebfläche ist Châteauneuf-du-Pape – gerne auch als "C9dP" abgekürzt – die bedeutendste Qualitätsappellation der Südrhône. Gleichzeitig ist sie eine der historisch wichtigsten Weinregionen Frankreichs. Hier entstanden die Grundlagen des modernen Appellationssystems, das später zum Vorbild für nahezu alle europäischen Herkunftsregelungen wurde.
Der Wein der Päpste
Die Geschichte von Châteauneuf-du-Pape ist eng mit dem sogenannten Avignonesischen Papsttum verbunden. Als Papst Clemens V., der in der Gascogne geboren wurde und auf den das Weingut Pape-Clement in Bordeaux zurück geht, im frühen 14. Jahrhundert den päpstlichen Sitz nach Avignon verlegte, begann für die Region eine große Zeit. Sein Nachfolger Johannes XXII. ließ oberhalb des kleinen Dorfes eine Sommerresidenz errichten, dessen Ruine bis heute das Landschaftsbild prägt.
Die Päpste förderten den Weinbau gezielt. Die Weine wurden bald als "Vin du Pape" bekannt und gelangten an die Höfe Europas. Der Name Châteauneuf-du-Pape – "das neue Schloss des Papstes" – erinnert bis heute an diese Epoche.
Während das Schloss im Laufe der Jahrhunderte teilweise zerstört wurde, blieb ihr Symbolwert erhalten. Kaum eine Weinregion Europas ist historisch so eng mit einer politischen und religiösen Institution verbunden wie Châteauneuf-du-Pape.
Die Geburtsstätte der modernen Appellation
Neben seiner historischen Bedeutung besitzt Châteauneuf-du-Pape zudem einen festen Platz in der Geschichte des Weinrechts. Anfang des 20. Jahrhunderts litt die Region wie viele andere europäische Weinbaugebiete unter Fälschungen, Überproduktion und mangelnden Qualitätsstandards.
Der entscheidende Impuls, dies zu ändern, kam von Baron Pierre Le Roy de Boiseaumarié, der in den Besitz des Weinguts Château Fortia gelangt war. Gemeinsam mit anderen Erzeugern entwickelte er ein Regelwerk, das die Herkunft, die zugelassenen Rebsorten, die Erträge und die Mindestqualität verbindlich festlegte.
Diese Vorschriften wurden 1923 verabschiedet und dienten später als Vorlage für das gesamte französische Appellationssystem. Als 1936 die ersten Appellationen d’Origine Contrôlée, kurz AOC, offiziell anerkannt wurden, gehörte Châteauneuf-du-Pape zu den ersten und wichtigsten Vertretern dieses neuen Qualitätsgedankens.
Damit wurde die Appellation nicht nur zu einem Vorbild für Frankreich, sondern letztlich auch für viele Herkunftssysteme weltweit.
Mehr als nur Galets Roulés
Neben der Schlossruine gibt es noch ein weiteres bekanntes Wahrzeichen für die Appellation. Genauer gesagt sind es derer ganz viele: die berühmten galets roulés von Châteauneuf-du-Pape. Die großen, rundgeschliffenen Kieselsteine stammen ursprünglich aus den Alpen und wurden über Jahrtausende von der Rhône abgelagert.
Tagsüber speichern die Steine große Mengen Wärme und geben diese während der Nacht langsam wieder ab. Dieser Effekt begünstigt die vollständige Reife der Trauben und trägt wesentlich zur Konzentration der Weine bei. Doch die Appellation besteht keineswegs nur aus Kieselsteinen. Tatsächlich zählt sie zu den geologisch vielfältigsten Herkünften Frankreichs.
Auf dem berühmten Plateau La Crau wurzeln über 100 Jahre alte Grenache-Reben in Sandböden, auf denen besonders elegante und feingliedrige Weine entstehen. Hinzu kommen kalk- und tonhaltige Böden, die den Weinen zusätzliche Frische und Struktur verleihen und häufig die Grundlage großer Weißweine bilden.
Heute unterscheidet man innerhalb der Appellation zahlreiche Terroirs, deren Charaktere sich teilweise deutlich voneinander unterscheiden. Die Vielfalt der Böden ist einer der Hauptgründe dafür, warum Châteauneuf-du-Pape trotz seines warmen Klimas stilistisch so unterschiedlich interpretiert werden kann.
Die Herrschaft der Grenache
Die wichtigste Sorte von Châteauneuf-du-Pape ist die Grenache Noir. Keine andere Rebsorte prägt die Appellation stärker. Sie liefert Wärme, Alkohol, Textur und die typische Aromenwelt aus reifen Kirschen, Himbeeren, Pflaumen, Feigen und Süßholz bzw. Lakritz.
Anders als in der Nordrhône, wo Syrah dominiert, basiert die überwiegende Mehrheit der Rotweine von Châteauneuf-du-Pape auf Grenache. Häufig macht sie mehr als 70 oder sogar 80 % einer Cuvée aus.
Ergänzt wird sie traditionell durch Syrah und Mourvèdre. Syrah bringt Farbe, Frische und dunkle Frucht ein, während Mourvèdre Struktur, Würze und Lagerfähigkeit liefert. Ein solcher Wein ist die "Cuvée des Cadettes" des Weinguts La Nerthe von mehr als 85 Jahre alten Reben.
Hinzu kommen zahlreiche weitere traditionelle Sorten wie Cinsault, Counoise, Vaccarèse, Muscardin oder Terret Noir. Traditionell spricht man von 13 zugelassenen Rebsorten, wobei die tatsächliche Zahl durch die Berücksichtigung verschiedener Farbvarianten sogar höher liegt, denn neben Grenache Noir dürfen beispielsweise auch Grenache Gris und Grenache Blanc genutzt werden, zudem die weiße Clairette. Die können dem Wein zusätzliche Frische und aromatische Komplexität verleihen. Gerade heute, mit dem Klimawandel werden die Alkoholgrade oftmals ein Problem und es macht Sinn, Sorten zu nutzen, die weniger davon in die Cuvée einbringen.
Der Mistral als natürlicher Verbündeter
Das Klima der Appellation gehört zu den wärmsten Frankreichs. Mehr als 2.800 Sonnenstunden pro Jahr sorgen regelmäßig für eine vollständige Ausreifung der Trauben. Niederschläge fallen vergleichsweise selten und konzentrieren sich vor allem auf Frühjahr und Herbst.
Der wichtigste klimatische Faktor ist jedoch der Mistral. Dieser kalte Nordwind kann mit enormer Geschwindigkeit durch das Rhônetal fegen und prägt die Region seit Jahrhunderten.
Für die Winzer ist er zugleich Herausforderung und Segen. Einerseits erschwert er die Arbeit im Weinberg und kann junge Triebe beschädigen. Andererseits hält er die Reben gesund, indem er Feuchtigkeit schnell trocknet und Pilzkrankheiten verhindert.
Die traditionelle Buscherziehung, die sogenannte Gobelet-Erziehung, entstand nicht zuletzt als Anpassung an diese Bedingungen. Die niedrig gehaltenen Rebstöcke bieten dem Wind deutlich weniger Angriffsfläche.
Die großen Weißweine der Appellation
Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Produktion ausmachen, gehören die weißen Châteauneuf-du-Pape zu den spannendsten Weißweinen Frankreichs. Grenache Blanc, Clairette, Roussanne und Bourboulenc bilden die wichtigsten Bestandteile der Cuvées. In jungen Jahren zeigen die Weine oft Aromen von weißen Blüten, Fenchel, Anis, Birne und Pfirsich. Mit zunehmender Reife entwickeln sie Noten von Honig, Nüssen, Marzipan und getrockneten Kräutern.
Die besten Exemplare besitzen ein großartiges Lagerpotenzial und können problemlos zehn bis zwanzig Jahre reifen. Dennoch bleiben sie außerhalb von Rhône-Kreisen bis heute ein Geheimtipp.
Zwischen Tradition und Moderne
Kaum eine Appellation der Rhône bietet heute eine vergleichbare stilistische Bandbreite. Auf der einen Seite stehen traditionelle Erzeuger wie das 1560 erstmals erwähnte Weingut La Nerthe, die ihre Weine in großen Holzfässern ausbauen und auf Eleganz, Würze sowie Terroir-Ausdruck setzen.
Auf der anderen Seite entstanden seit den 1990er Jahren zahlreiche moderne Interpretationen mit höherer Extraktion, kleineren Barriques und einer betont opulenten Stilistik. Diese Weine erreichten häufig Höchstbewertungen internationaler Kritiker und trugen wesentlich zum weltweiten Erfolg der Appellation bei.
Nicht unerwähnt bleibt sollte der Umstand, dass 3.200 Hektar Rebfläche keine gleichmäßige Qualität liefern. Es gibt Herkünfte und Weine, die ganz eindeutig im Grand Cru-Bereich anzusiedeln sind, ist gibt jedoch ebenso mediokre Weine für kleines Geld, die trotzdem die Glasflasche mit dem Wappentragen dürfen.
Trotz dieser Unterschiede verbindet zumindest alle großen Châteauneuf-du-Pape-Weine ein gemeinsames Merkmal: ihre Fähigkeit zu reifen. Junge Weine wirken oft kraftvoll, würzig und von der mediterranen Landschaft geprägt. Erst nach Jahren entwickeln sie jene Komplexität aus Leder, Trüffel, Garrigue, Tabak und balsamischen Noten, die große Châteauneuf-du-Pape-Weine so unverwechselbar macht.
Fazit
Während Hermitage oft als der aristokratische Klassiker der Rhône gilt und Côte Rôtie als ihre eleganteste Interpretation, verkörpert Châteauneuf-du-Pape die großzügige, warme und lebensfrohe Seite der Region. Hugh Johnson schrieb dazu in seinem Standardwerk "Der Große Weinatlas": "Châteauneuf-du-Pape ist der unumstrittene König der südlichen Rhône – ein Wein von barocker Pracht, geschmiedet aus glühender Sonne und den massiven Kieselsteinen des Tals. Seine Vormachtstellung ist nicht nur historisch begründet, sondern in seiner schieren, ungezähmten Kraft spürbar".
Die Appellation vereint Geschichte, Terroir und Rebsortenvielfalt in einer Form, die weltweit einzigartig ist. Sie ist nicht nur die bekannteste Herkunft der Südrhône, sondern auch ihr kulturelles Zentrum. Hier entstand die Idee der modernen, qualitätsorientierten Herkunft, hier prägen Grenache und Mistral den Charakter der Weine, und hier entstehen bis heute einige der faszinierendsten Rot- und Weißweine Frankreichs.





