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Der Name darf nicht leer sein.

Loire – Weinbau am langen ruhigen Fluss

Lehnen wir uns zu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, dass die Loire immer noch das am meisten unterschätzte Anbaugebiet Frankreichs ist? Zumindest, wenn wir Sancerre und Pouilly-Fumé einmal außen vor lassen? Dabei ist es eines der abwechslungsreichsten. Immerhin finden sich an Frankreichs längstem Fluss, grob gesagt, mindestens fünf völlig unterschiedliche Anbaugebiete. Dazu gehört eine entsprechend umfangreiche Auswahl an Rebsorten, auch wenn natürlich Sauvignon Blanc, Chenin Blanc und Cabernet Franc die wichtigsten und bekanntesten sind. Mit 42.000 Hektar, aufgeteilt auf 34 Qualitätsweinappellationen und eine Landweinappellation, ist die Loire eines der bedeutendsten Anbaugebiete Frankreichs.

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Es sind tatsächlich knapp über 1.000 Flusskilometer, auf denen sich die Loire von den ehemaligen Vulkanen der Auvergne aus durch die Landschaft schlängelt, bevor sie sich bei Saint-Nazaire ins Meer ergießt. 400 dieser Flusskilometer sind von Weinbau geprägt. Dabei spielt die Loire sehr unterschiedlich gewichtige Rollen für den Wein. Häufig sind es auch die Nebenflüsse und Zuflüsse, die entscheidender sind. Am Oberlauf beispielsweise ist es der Allier, bekannt auch durch die Eichen, die gerne für Barriques verwendet werden. In der Touraine sind es Nebenflüsse wie der Loir, Cher, Indre, Vienne und Thouet, im Nantais Sèvre und Maine. 
Der besondere Reiz der Loire liegt unter anderem darin, dass er häufig immer noch unbegradigt mit geringer Fließgeschwindigkeit durch die Landschaft mäandert. Und das tut er, zumindest zeitweise, im „Garten Frankreichs“, der bevölkert ist von rund 400 Schlössern und Burgen, sowie Dörfern und Städtchen, die oft in der Blütezeit der französischen Monarchie entstanden sind – oder viel älter sind und schon Jeanne d’Arc beherbergt haben. Da sind Schlösser wie Chenonceaux, Azay-le-Rideau oder Chambord, Festungen wie Chinon oder ein Schloss wie Brézé, bei dem der Weinberg zumindest für Weinkenner berühmter ist als das Gebäude.

Unbekanntes Terrain am Oberlauf

Die Loire entspringt nicht nur in der Auvergne, es gibt dort auch die ersten Weinberge – allerdings bei weitem nicht mehr so viele wie einst. Um 1890 verfügten die Côtes d’Auvergne noch über 45.000 Hektar Rebfläche. Inzwischen ist es nicht mehr annähernd so viel, aber immerhin wieder 400 Hektar. Die Reblauskatastrophe und die damals damit einsetzende Landflucht haben in vielen Anbaugebieten einen immensen Tribut gefordert. Heute zählt man die Auvergne zur sogenannten Loire Vulcanique, denn dieser Teil ist im Gegensatz zur mittleren Loire von Vulkangestein wie Basalt und vor allem Granit geprägt. Das Anbaugebiet liegt deutlich näher an der nördlichen Rhône und vor allem dem Beaujolais als an Sancerre und Pouilly-Fumé. Die Loire fließt hier parallel zur Rhône – allerdings in die andere Richtung. Das Gestein und das Klima eignen sich perfekt für Gamay. Und das sowohl hier als auch in den anderen drei Bereichen, die zur Loire Vulcanique gezählt werden und die alle mehr oder weniger am Fluss Allier zu finden sind. Sie heißen Côte Roannaise, Côtes du Forez und Saint-Pourçain. Gamay ist hier mit rund 80 % die mit Abstand wichtigste Rebsorte. Fast vergessen war bis vor wenigen Jahren vor allem Saint-Pourçain, wo der Gamay in den AOP-Weinen immer mit Pinot Noir als Cuvée verarbeitet wird, während es beim Weißwein Chardonnay mit Tressallier ist. Tressallier? Diese Sorte stammt ursprünglich aus dem Burgund, heißt auch Sacy und hat dieselben Eltern wie Chardonnay, Aligoté, Gamay und Melon de Bourgogne. Irgendwann hat es die Sorte über den Allier, also „très Allier“, verschlagen, wäre dort jedoch fast ausgestorben. Dabei galten die Weine aus Saint-Pourçain neben denen aus Beaune und Saint-Émilion im 13. Jahrhundert einmal als die besten des Landes.

An der zentralen Loire

Vom Massif Central geht es ins Pariser Becken. Das „Bassin parisien“ ist die größte geologische und landschaftliche Region Frankreichs und erstreckt sich als weite Schichtstufenlandschaft über fast das gesamte nördliche Drittel des Landes. Es ist ein Sedimentbecken, dessen Gesteinsschichten sich wie flache Teller übereinanderlegen und zum Zentrum hin – mit Paris als Herzstück – konzentrisch abfallen. Auf der einen Seite reicht es bis an die Obermosel, auf der anderen bis nach Sancerre und Pouilly-Fumé und ebenfalls bis ins englische Kent, da es entstanden ist, als die britischen Inseln noch zum Festland gehörten. Mittendrin liegen Champagne und Chablis. Weinbautechnisch wird der Bereich „Centre Loire“ genannt. Die drei bekanntesten Appellationen sind heute Sancerre, Pouilly-Fumé und Menetou-Salon, man findet aber auch Châteaumeillant, Reuilly und Quincy sowie die Côtes de la Charité, Pouilly-sur-Loire, die Coteaux de Tannay und die Coteaux du Giennois. Ansässig ist dort beispielsweise die Domaine Pierre Girault & Fils. Eindeutiger Star dieser Region ist der Sauvignon Blanc. Dieser bringt die schönsten Ergebnisse auf Böden namens Caillottes und Griottes, Chailloux und sowie den Terres Blanches von Sancerre und Pouilly-Fumé, wo die Domaine Serge Dagueneau & Filles angesiedelt ist. Kalkstein, Mergel und Quarzit sind die bestimmenden Bodenformationen. Neben Sauvignon Blanc gibt es kleine Mengen Chardonnay, Pinot Gris und Melon de Bourgogne, zudem Pinot Noir, der vor allem im Sancerre mittlerweile exzellente Ergebnisse liefert.

Die Touraine

Nicht weit hinter Orléans beginnt bei Blois das Anbaugebiet Touraine und gleichzeitig eine Region, die von Schlössern so gespickt ist wie kaum eine andere Region Europas. Es beginnt direkt mit dem Königsschloss mitten in Blois. Das Anbaugebiet aber hat seinen Namen nicht von der Stadt Blois erhalten, sondern von Tours. Die Touraine selbst ist bekannt für vor allem jung zu trinkende Weißweine, vornehmlich aus Sauvignon Blanc. Bei den roten Sorten ist der Gamay führend. Doch die Touraine hat noch viel mehr zu bieten, denn innerhalb des Anbaugebietes gibt es berühmte "Inseln". Das sind Vouvray und Montlouis, in denen herausragender Chenin Blanc entsteht, vom trockenen "Sec" über "Demi-sec", "Moelleux" und "Première Trie" bis zur Trockenbeerenauslese. Vincent Carême pflegt hier seine Weinberge. Daneben gibt es die dem Cabernet Franc vorbehaltenen Appellationen Chinon, Bourgueil und Saint-Nicolas-de-Bourgueil. daneben findet man zudem in kleine Mengen den Cabernet Sauvignon, Côt (Malbec), Grolleau und Pineau d’Aunis sowie die uralte weiße Sorte Romorantin in den Weingärten. Die Weinberge sind an den Ufern der Loire und vor allem ihrer Nebenflüsse meist sandig und kiesig. Die besten Lagen findet man immer auf halbem Hang oder "mi-pente". Sie sind vom berühmten Tuffeau, einer speziellen weißen oder gelben Variante des Kalksteins geprägt, aus dem auch die Schlösser gebaut wurden.

Saumur

Auf halbem Weg von Bourgueil nach Saumur überquert man unmerklich die Départementsgrenze und auch das Anbaugebiet. Tatsächlich tut sich auch im Boden etwas, denn es ist eine andere Form von Kalk, die hier präsent ist, mit einer deutlich höheren Menge an Aktivkalk, also mit deutlich mehr Calciumcarbonat. Hier entstehen vor allem trockene Chenin Blancs in stiller Form, nicht zuletzt aber auch als Crémant. Tatsächlich ist Saumur mit dem hoch aufragenden, mächtigen Schloss aus dem 14. Jahrhundert die Crémant-Hauptstadt Frankreichs und zudem die Champignon- und die Rosenhauptstadt der Republik. Es gibt zudem neben der Bezeichnung "Crémant de Loire AOP" auch den "Saumur Brut" als Schaumweinappellation. Mit dem Brézé-Weinberg hat man zudem eine der besten Lagen überhaupt für trockenen Chenin Blanc, während der Cabernet Franc aus der Appellation "Saumur-Champigny" auf einer Höhe mit den besten Bourgueils und Chinons zu finden ist. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die Weine der Domaine des Sanzay.

Anjou

Wenn man es genau nimmt, dann gehört Saumur offiziell schon zum Anjou und wird als "Anjou Blanc" bezeichnet. Aber das ist schon reichlich verwirrend, denn damit ist nicht etwa der Weißwein aus Saumur gemeint, sondern die Tatsache, dass der Boden dort weiß ist vom Kalkstein, während die Böden im übrigen Anjou eher dunkel sind vom Schiefer und dem sogenannten Puddingstein, einem Konglomerat aus verschiedenen vulkanischen Elementen. Daher wird der größte Teil der Appellation rund um Angers "Anjou Noir" genannt. Die Region hat eine große Tradition für Süßweine – die heute leider kaum noch nachgefragt werden, weshalb sie nur noch selten zu finden sind. Über die Jahrhunderte hinweg waren Chenin Blancs aus Coteaux du Layon, Bonnezeaux und Quarts de Chaume jedoch genauso begehrt wie Tokaj, Mosel-Auslesen, Sauternes oder "Vin de Constance". Diesen Rang haben heute einige wenige Naturweinwinzer eingenommen, deren trockene Chenins gerne als "Einhornweine" bezeichnet werden, weil sie so schwer zu finden sind.
Innerhalb des Anjou gibt es dann aber doch noch eine traditionsreiche und berühmte Appellation, bei der man sich schon Ende des 19. Jahrhunderts darauf verlegt hat, nur noch trockene Weine zu erzeugen: Savennières. Und neben den teils großen Weinen dieser Appellation hat das Anjou eine besondere Eigenart zu bieten. Denn hier entsteht ein Großteil der Roséweine Frankreichs, meist aus der Sorte Grolleau mit kleineren Anteilen von Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Pineau d’Aunis. Das wäre kaum der Erwähnung wert, wenn diese Weine nicht restsüß ausgebaut würden, wo Frankreich doch allgemein eher trocken trinkt.

Atlantisch geprägter Wein

Nicht weit hinter Angers geht das Anjou in die Appellation Muscadet über. Wir nähern uns langsam dem Atlantik, das Klima verändert sich Stück für Stück und ebenso das Terroir. Zwar sind Anjou und Muscadet beide geprägt vom ehemaligen Massif Armoricain, aber je weiter es zum Atlantik geht, desto mehr magmatische Tiefengesteine treten zutage. Das sind vulkanische Gesteine, die aber schon in der Tiefe erkaltet sind. Es gibt eine ganze Menge davon im Nantais, das wiederum nach der Hauptstadt der Region Nantes benannt wurde. Es gibt Glimmerschiefer, Granit, Gabbro, Granodiorit, Gneis, Quarz, Leptynit, Amphibolit und Schiefer. Und in diesen unterschiedlichen Gesteinen wurzelt vor allem eine Rebsorte: Muscadet. Oder wie sie eigentlich heißt: Melon de Bourgogne. Aus dem Burgund vertrieben, hat sie vor Jahrhunderten hier eine neue Heimat gefunden. Die besten Exemplare gibt es heute im Bereich Muscadet de Sèvre et Maine, speziell in zehn Cru-Ortschaften mit unterschiedlichen Terroirs. Zugegeben, diese Sorte erzeugt keine Grands Crus, wie es der Chenin schafft, aber als variabler Speisenbegleiter zu weit mehr als zu Austern und Muscheln ist diese Sorte hervorragend geeignet.

Fazit

Wir können nur aufgreifen, was wir eingangs bereits angesprochen haben: Die Loire gehört bis heute, wenn man den Erfolg von Sancerre und Pouilly-Fumé kurz ausblendet, zu den großen Unbekannten, zumindest hierzulande. Doch gerade der Chenin Blanc kann eine beeindruckende Größe erreichen und zudem eine ebenso imponierende Bandbreite widerspiegeln: von trocken bis süß und schäumend, von schlank bis ausladend, von finessenreich bis eindringlich, von bäuerlich bis burgundisch. Dazu kommt der Cabernet Franc, der – wie man in Bolgheri oder Bordeaux nachvollziehen kann – zu den Nutznießern des Klimawandels gehört und stilistisch manchmal wie ein Bindeglied zwischen Bordeaux und Burgund wirkt.