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Der Name darf nicht leer sein.

Côte Rôtie – die Wiederentdeckung eines großen Klassikers

Die Côte Rôtie zählt zu den prestigeträchtigsten Rotwein-Appellationen Frankreichs. Die besten Weine erzielen dreistellige Preise, Spitzenlagen werden von Sammlern weltweit gesucht, und Namen wie Rostaing gehören längst zum Kanon großer europäischer Weinerzeuger. Betrachtet man jedoch die Geschichte der Appellation, wirkt dieser Erfolg beinahe unwahrscheinlich. Noch vor wenigen Jahrzehnten stand die Côte Rôtie kurz davor, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Dabei gehört sie zu den ältesten Weinlandschaften Europas. Schon die Römer legten in den steilen Hängen oberhalb des Rhône-Ufers Weinberge an und manche von ihnen angelegte Trockenmauer existiert noch heute. Die Südhänge rund um Ampuis galten bereits in der Antike als besonders geeignet für den Weinbau. Über Jahrhunderte hinweg genossen die Weine einen guten Ruf, standen jedoch meist im Schatten des weiter südlich gelegenen Hermitage, dessen Weine lange als die einzigen großen Rotweine der Nordrhône galten.

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Der beinahe Untergang einer großen Appellation

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Côte Rôtie zunehmend in Schwierigkeiten. Die extrem steilen Terrassenhänge erlauben kaum Mechanisierung. Jede Arbeit muss von Hand erfolgen. Mauern müssen instandgehalten, Wege gepflegt und die Reben aufwendig bewirtschaftet werden. Gleichzeitig waren die Preise für Wein niedrig.
In den 1960er Jahren erhielt ein Winzer für einen Liter Côte Rôtie kaum mehr als einen Franc. Von diesem Erlös konnte niemand leben. Viele Familien gaben ihre Weinberge auf, andere betrieben den Weinbau nur noch im Nebenerwerb. Zahlreiche Rebflächen verwilderten. Die wenigen verbliebenen Winzer verkauften ihre Trauben oder Weine häufig an Handelshäuser.
Der Tiefpunkt war dramatisch. Um 1960 waren nur noch rund 50 Hektar der historischen Weinberge tatsächlich bepflanzt. Viele Beobachter gingen davon aus, dass die Appellation langfristig verschwinden würde. Doch die Geschichte nahm eine überraschende Wendung.

Der Wiederaufstieg der Nordrhône

Als Schlüsseljahr gilt 1978. Der Jahrgang erwies sich als außergewöhnlich und lenkte die Aufmerksamkeit internationaler Händler und Kritiker auf die Region. Zu den wichtigsten Förderern gehörte der amerikanische Importeur Kermit Lynch, der die Weine in den Vereinigten Staaten bekannt machte. Kurz darauf begann auch Robert Parker regelmäßig Höchstbewertungen für die besten Côte Rôties zu vergeben.
Die steigende Nachfrage machte den Weinbau wieder rentabel. Gleichzeitig trat eine neue Generation engagierter Winzer an, die bereit war, die verlassenen Terrassen wieder zu kultivieren. Alte Trockenmauern wurden restauriert, brachliegende Parzellen neu bepflanzt und historische Lagen wiederbelebt.
Das Ergebnis ist beeindruckend. Die Rebfläche wuchs von rund 50 Hektar in den 1960er Jahren auf heute knapp 300 Hektar. Aus einer fast vergessenen Herkunft wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine der begehrtesten Appellationen der Welt.

Die „geröstete Flanke“ der Rhône

Der Name Côte Rôtie bedeutet wörtlich „gerösteter Hang“. Tatsächlich beschreibt er die Landschaft sehr treffend. Die Weinberge liegen am rechten Ufer der Rhône auf spektakulär steilen Terrassen, die teilweise Neigungen von über 60 Grad erreichen. Durch ihre südliche und südöstliche Ausrichtung werden die Hänge intensiv von der Sonne beschienen und erwärmen sich stärker als viele andere Weinberge der Nordrhône.
Die Appellation liegt rund um die Gemeinde Ampuis, etwa 30 Kilometer südlich von Lyon. Sie markiert zugleich den nördlichen Beginn des großen Rhône-Weinbaugebietes. Das Klima ist kontinental geprägt, wird jedoch bereits von mediterranen Einflüssen erreicht. Warme Sommer, kühle Winter und regelmäßige Winde schaffen ideale Bedingungen für die Rebsorte Syrah.

Syrah mit einem ungewöhnlichen Partner

Die Côte Rôtie ist untrennbar mit Syrah verbunden. Anders als in vielen anderen Regionen der Welt zeigt die Rebsorte hier eine besonders elegante und vielschichtige Seite. Die Weine verbinden Kraft und Struktur mit Finesse.
Eine Besonderheit der Appellation besteht darin, dass dem Syrah traditionell kleine Mengen Viognier zugesetzt werden dürfen. Viognier ist eine weiße Rebsorte, die eigentlich vor allem aus der benachbarten Appellation Condrieu bekannt ist. Die Vorschriften erlauben bis zu 20 % Viognier im Wein, in der Praxis liegen die Anteile heute meist zwischen zwei und fünf Prozent. Häufig werden beide Sorten gemeinsam vergoren. Die weiße Rebsorte bringt dabei weniger eigene Fruchtaromen ein, als vielmehr zusätzliche florale Noten, Eleganz, Frische und eine feinere Textur.
Typische Côte-Rôtie-Weine verbinden deshalb dunkle Früchte, schwarze Oliven, Rauch, Speck, Pfeffer und Veilchen mit einer wunderbaren Lebendigkeit. Gerade die charakteristischen Veilchennoten gelten als eines der Markenzeichen der Appellation.
Eine besondere Rolle spielt an der Côte Rôtie die historische Syrah-Variante Sérine. Sie gilt als ursprüngliche Form der Rebsorte in der Nordrhône und liefert kleinere Trauben sowie geringere Erträge als moderne Klone. Viele Winzer schreiben ihr eine besondere aromatische Feinheit mit ausgeprägten Veilchen-, Pfeffer- und Gewürznoten zu. Nachdem zahlreiche alte Bestände im 20. Jahrhundert verschwunden waren, erlebt die Sérine seit einigen Jahren eine Renaissance. Immer mehr Spitzenbetriebe, allem voran auch unser Winzer René Rostaing setzen wieder auf Massenselektionen aus historischen Anlagen, um die genetische Vielfalt und den traditionellen Charakter der Côte Rôtie zu bewahren. 

Côte Blonde und Côte Brune

Wer sich intensiver mit der Côte Rôtie beschäftigt, stößt unweigerlich auf die Begriffe Côte Blonde und Côte Brune. Sie bilden den historischen Kern der Appellation und gehören zu den berühmtesten Terroirs Frankreichs. Einer alten Legende zufolge teilte ein lokaler Grundherr seine Weinberge zwischen seinen beiden Töchtern auf – einer blonden und einer dunkelhaarigen. Ob die Geschichte stimmt, weiß niemand. Deutlicher wahrscheinlicher ist es, dass die beiden Côtes die Namen nach der Farbe des Bodens erhalten haben.
Die Côte Blonde ist von helleren, kalk- und sandhaltigen Böden geprägt. Die Weine gelten häufig als etwas duftiger, feiner und früher zugänglich. Die Côte Brune besitzt dagegen mehr eisenhaltige und lehmige Bestandteile. Ihre Weine wirken oft dunkler, strukturierter und langlebiger.
Trotz dieser Unterschiede teilen beide Bereiche dasselbe geologische Fundament. Die Weinberge liegen auf Gneis, Glimmerschiefer und Granit des Massif Central. Auf diesem Untergrund haben sich über Jahrtausende unterschiedlich zusammengesetzte Auflageböden gebildet.
Moderne Bodenuntersuchungen zeigen, dass die Côte Rôtie deutlich komplexer ist als die einfache Unterteilung in Blonde und Brune vermuten lässt. Je nach Winzer werden heute zwischen 30 und über 70 verschiedene Bodentypen unterschieden und bei den besten unter ihnen auch jeweils getrennt vinifiziert.

Die großen Lagen

Die berühmtesten Weinberge der Côte Rôtie befinden sich im historischen Kernbereich rund um Ampuis. Einige von ihnen haben mittlerweile beinahe mythischen Status erreicht. Besonders bekannt sind La Mouline an der Côte Blonde, La Turque an der Côte Brune und La Landonne. Hinzu kommen bedeutende Lagen wie La Chatillonne, Le Clos, Les Moutonnes, Les Grandes Places oder La Viallière. 
Anders als im Burgund erscheinen diese Lagennamen jedoch nicht als offizielle Klassifikation. Die Côte Rôtie kennt bis heute kein System aus Premier Cru oder Grand Cru. Dennoch herrscht unter Winzern und Liebhabern weitgehend Einigkeit darüber, welche Parzellen zu den großen Terroirs der Appellation zählen.

Zwei Stilrichtungen

Seit den 1990er Jahren haben sich innerhalb der Côte Rôtie zwei grundsätzliche Stilrichtungen herausgebildet. Auf der einen Seite stehen Produzenten, die auf Eleganz, Frische und Transparenz setzen. Sie arbeiten oft mit langen Maischestandzeiten, einem hohen Anteil ganzer Trauben und einem Ausbau in größeren, gebrauchten Holzfässern. Ihre Weine wirken häufig burgundisch in ihrer Feinheit. Zu dieser Schule gehören auch René und Pierre Rostaing.
Auf der anderen Seite finden sich Erzeuger, die Konzentration, Extraktion und Struktur betonen. Hier kommen häufiger neue Barriques zum Einsatz, die den Weinen zusätzliche Kraft und Würze verleihen. Beide Interpretationen können große Ergebnisse hervorbringen. Gemeinsam ist ihnen die Fähigkeit, Syrah in einer Form zu zeigen, die weltweit einzigartig bleibt.

Fazit

Während Hermitage oft als die mächtigste Interpretation des Syrah gilt und Cornas für seine Wildheit bekannt ist, verkörpert die Côte Rôtie die aristokratische Seite der Rebsorte. Nirgendwo sonst verbindet Syrah dunkle Frucht, florale Eleganz, Würze und Struktur auf vergleichbare Weise.
Vielleicht erklärt gerade dieser Gegensatz den heutigen Erfolg der Appellation. Die Côte Rôtie bietet die Möglichkeit, große, kraftvolle Rotweine zu erzeugen, ohne jemals ihre Finesse zu verlieren. Sie steht damit exemplarisch für die Renaissance der Nordrhône – einer Region, die noch vor wenigen Jahrzehnten beinahe aufgegeben worden wäre und heute zu den faszinierendsten Weinlandschaften der Welt zählt.