Piemont – am Fuße der Berge
Zusammen mit der Toskana gehört das Piemont zu den bedeutendsten Weinbauregionen Italiens. Es liegt im Nordwesten des Landes und wird kulturell wie klimatisch von den umliegenden Alpen und dem ligurischen Apennin geprägt. Zu den wichtigsten Weinbaugebieten zählen die Langhe mit Barolo und Barbaresco, das Monferrato mit den Weinen von Asti und Gavi sowie die nördlichen Regionen um Novara mit den Colline Novaresi und Boca. In diesem lange von Savoyen regierten Landstrich entstehen nicht nur einige der großen Weine Italiens – hier wächst auch der Alba-Trüffel, der die regionale Küche bis heute entscheidend prägt.
Italienische Region mit französischem Namen
Wie kaum eine andere Region Italiens ist das "Piemonte" oder "Piedmont" vom französischen Nachbarn beeinflusst. Das lässt sich bereits am Namen ablesen: Er ist dem Französischen entlehnt und bedeutet "am Fuße der Berge". Tatsächlich wurde die Region rund acht Jahrhunderte lang, vom 11. bis ins 19. Jahrhundert, von den Königen Savoyens regiert. Sie prägten den Landstrich und damit auch den Weinbau nachhaltiger, als es zuvor die Römer oder die ligurisch-keltischen Tauriner getan hatten – jenes Volk, nach dem die piemontesische Hauptstadt Turin (Torino) benannt ist.
Diese engen Verbindungen sind bis heute spürbar. Nicht nur, weil das Piemont zu Füßen der französischen und schweizerischen Alpen liegt, sondern auch, weil viele Winzer traditionell Zeit in Frankreich verbringen und Französisch sprechen. Der Vergleich des Nebbiolo mit dem Pinot Noir ist daher kein Zufall. Beide Rebsorten bringen in ihren jeweiligen Herkunftsgebieten – im Barolo und Barbaresco ebenso wie an der Côte de Nuits oder der Côte de Beaune – Weine von außergewöhnlicher Tiefe und Langlebigkeit hervor.
Haselnüsse, Aprikosen und Nebbiolo
Der Nebbiolo wurde in der Langhe, der berühmtesten Weinregion des Piemonts, erstmals 1266 dokumentiert, und 1431 wird er in La Morra als wertvollste Rebsorte erwähnt. Daran hat sich bis heute wenig geändert – auch wenn Weine aus Nebbiolo bis in die 1980er Jahre international keineswegs den legendären Ruf besaßen, den sie heute genießen. Der Status von Barolo und Barbaresco als Ikonen des Weltweinbaus ist vergleichsweise jung.
Spricht man mit Winzerfamilien aus Orten wie La Morra, Castiglione Falletto oder Neive, dann erfährt man schnell, dass lange Zeit nicht der Wein das wirtschaftliche Rückgrat der Region bildete. Es waren Haselnüsse – insbesondere die Tonda Gentile delle Langhe – und Aprikosen wie die Tonda di Castiglione, die vielen Familien das Überleben sicherten. Bis weit in die 1950er Jahre hinein galt La Morra als "La Malora", als Armenhaus Italiens.
Die Wende kam ausgerechnet durch eine Süßigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Kakao ein Luxusgut. Pietro Ferrero aus Alba griff auf eine Spezialität aus der napoleonischen Zeit zurück: Gianduja, eine Mischung aus Schokolade und Haselnüssen. Da das Piemont reich an Haselnüssen war, ersetzte er einen Großteil des Kakaos durch geröstete, gemahlene Nüsse. Zunächst entstand ein fester Block, "Pasta Gianduja", der in Scheiben geschnitten wurde. Der Legende nach schmolz die Masse im heißen Sommer 1949 – und wurde als streichfähige Creme zum Erfolg. 1964 gab Pietros Sohn Michele Ferrero dem Produkt den Namen "Nutella". Der wirtschaftliche Aufschwung der Region war damit eng mit Haselnüssen verbunden – und indirekt auch mit dem Weinbau.
Tradition und Modernismus
In den 1970er Jahren begann die tiefgreifende Modernisierung des italienischen Weinbaus. Was heute kaum vorstellbar ist: Italienischer Wein spielte international kaum eine Rolle. Bekannt waren vor allem einfacher Chianti in bastumflochtenen "Fiaschi" und Lambrusco.
In der Toskana waren es Piero Antinori und Giacomo Tachis, die mit den später so genannten "Super Tuscans" neue Maßstäbe setzten. Im Piemont spielte eine vergleichbare Rolle Angelo Gaja. Nachdem feststand, dass er das Familienweingut übernehmen würde, reiste er Anfang der 1960er Jahre durch Burgund und Bordeaux. Dort lernte er moderne Kellertechnik, temperaturkontrollierte Gärung und vor allem einen neuen Begriff von Eleganz und Finesse kennen.
1976 brachte er mit "Sorì San Lorenzo" seinen ersten Einzellagen-Barbaresco auf den Markt. Wie später die "Barolo Boys" – Elio Altare, Domenico Clerico, Luciano Sandrone, Roberto Voerzio oder Giorgio Rivetti – stellte auch Gaja Traditionen infrage. 1978 bepflanzte er einen Weinberg mit Cabernet Sauvignon, führte grüne Lese ein und setzte kleine Barriques ein. Legendär ist die Geschichte von Elio Altare, der die alten Fässer seines Vaters mit der Kettensäge zersägte und dafür beinahe enterbt worden wäre.
Der Erfolg gab den Modernisten recht. US-Kritiker wie Robert Parker feierten den neuen Stil, die Preise stiegen, und die Langhe wandelten sich vom Armenhaus zu einer der wohlhabendsten Weinregionen Europas. Heute ist der Gegensatz zwischen Traditionalisten und Modernisten weitgehend überwunden, doch ohne den Mut dieser Generation hätte der Barolo wohl kaum seinen heutigen Status als globaler Kultwein erreicht.
Die meisten Appellationen Italiens
Denkt man an das Piemont, kommen einem zunächst Barolo und Barbaresco in den Sinn. Doch die Region ist weitaus vielfältiger. Mit rund 48.000 Hektar Rebfläche ist sie zwar kleiner als Sizilien, verfügt jedoch über eine enorme Dichte an Appellationen: 19 DOCG und 41 DOC. Rote und weiße Rebsorten halten sich dabei fast die Waage, und die Zahl autochthoner Sorten ist beeindruckend.
Langhe
Die Langhe, südöstlich von Turin gelegen, bilden das Herz des piemontesischen Weinbaus. Neben Barolo und Barbaresco entstehen hier Barbera d’Alba, Dolcetto d’Alba, Nebbiolo d’Alba sowie Schaumweine der Alta Langa.
Die Appellation Barolo umfasst elf Gemeinden, darunter die „big five“ Barolo, La Morra mit dem Weingut Renato Corino, Castiglione Falletto, Heimat des Weinguts Giuseppe Mascarello e Figlio, Serralunga d’Alba und Monforte d’Alba. Dazu kommen Novello, Verduno, Grinzano Cavour, Diano d’Alba, Cherasco und Roddi. In Barbaresco ist es Barbaresco selbst, wo sowohl Angelo Gaja als auch die Azienda Agricola Giuseppe Cortese zu Hause sind, dazu Neive, Treiso und Alba.
Asti
Oberhalb davon liegt die Region Asti im südlichen Hügelgebiet des Monferrato. Sie ist bekannt für Barbera d’Asti, Spumante und Moscato d’Asti, aber auch für die Sorten Ruchè, Gringolino, Freisa und Malvasia. Vor allem der Moscato hat hier eine Tradition seit mindestens 1203, wo er erstmals erwähnt wurde. Die Tradition der schäumenden Weine besteht schon seit dem Mittelalter. Im Jahre 1870 führte Carlo Gancia die damals noch so genannte "Méthode champenoise" ein, also den Schaumwein mit zweiter Gärung.
Monferrato
Weiter im Süden liegt das Monferrato mit den Bereichen Nizza, Gavi, Colli Tortonesi und verschiedenen Barbera-Appellationen. Das Monferrato selbst ist nach einer ehemaligen Grafschaft benannt und ist möglicherweise das älteste Anbaugebiet des Piemonts. Besonderheiten sind hier vor allem der Grignolino del Monferrato Casalese, Barbera del Monferrato und Cortese dell’Alto Monferrato. Die Gavi DOCG gehört zu den frühen erfolgreichen Weißwein-Qualitätsappellationen des Piemonts.
Der Norden
Das nördliche Piemont hat keinen wirklichen eigenen Namen, umfasst aber einige hochspannende Appellationen. Dazu gehören die DOCGs Erbaluce di Caluso mit der uralten weißen Sorte Erbaluce sowie die beiden Nebbiolo-Appellationen Gattinara und Ghemme mit der alten Nebbiolo-Variante namens Spanna, die auf viel höher gelegenen und teils von Vulkangestein geprägten Böden ganz andere Weine hervorbringt als die Langhe.
Eine beeindruckende Bandbreite an roten Rebsorten
Italien ist das Land mit den meisten Rebsorten in Europa, und im Piemont kann man diese Fülle ebenfalls erleben. Doch Hand aufs Herz: Wie viele piemontesische Sorten fallen Ihnen spontan ein? Die Klassiker der Langhe sind Dolcetto, Barbera und Nebbiolo – allesamt rot. Dolcetto, der „kleine Süße“ – der Name bezieht sich auf die milde Säure, nicht den Zucker – ist ein unkomplizierter, dunkelfruchtiger Alltagswein. Barbera ist die meistangebaute Sorte. Sie liefert säurereiche, fruchtige Weine mit wenig Tannin. Nebbiolo ist die unangefochtene Nummer eins. Die Basis für Barolo, Barbaresco, Gattinara und Ghemme. Bekannt für hohen Gerbstoff, Säure und Aromen von Teer und Rosen mit einem großartigen Alterungspotenzial. Doch gibt es noch viel mehr rote Rebsorten im Piemont. Da ist die Freisa, eine nahe Verwandte des Nebbiolo, oft leicht prickelnd oder mit kräftigem Tannin ausgebaut. Grignolino ergibt helle, fast lachsfarbene Rotweine mit sehr feiner Struktur und ausgeprägtem Pfefferaroma. Brachetto wird meist genutzt für süße, rote Schaumweine mit intensivem Erdbeeraroma. Ruchè ist eine seltene Spezialität aus Castagnole Monferrato, bekannt für ein extrem florales Bouquet von Veilchen, Rosen und Muskat. Pelaverga ist eine Rarität aus Verduno, die für ihre auffällige Pfirsich- und Pfeffernote geschätzt wird. Croatina und Vespolina sind oft Verschnittpartner für Nebbiolo im Norden des Piemonts, z. B. in Boca oder Ghemme. Malvasia di Casorzo bzw. di Schierano steht für süße, aromatische Rotweine.
Die weißen Sorten erleben eine Renaissance
Lange Zeit stand der Weißwein im Schatten der großen Roten, doch Sorten wie der Timorasso sorgen derzeit für eine echte Renaissance. Timorasso gilt als der "weiße Barolo". Eine wiederentdeckte Sorte mit enormem Lagerpotenzial und kräftiger Struktur. Arneis ist die wichtigste Sorte aus dem Roero-Gebiet und duftet oft nach Aprikose und weißen Blüten. Sie wäre, wie so viele andere vor allem weiße Sorten, in den 1970ern fast ausgestorben, weil kaum jemand solche aus dem Piemont gekauft hat. Moscato Bianco bildet die Basis für den weltberühmten Asti Spumante und Moscato d’Asti. Cortese ist die Traube hinter dem Gavi. Sie liefert frische, mineralische und eher neutrale Weine. Erbaluce, beheimatet im Norden, ist sehr säurereich, ideal für trockene Weißweine, Sekte oder Passito. Favorita ist die piemontesische Bezeichnung für Vermentino. Nascetta ist eine ebenfalls fast vergessene Sorte aus dem Barolo-Dorf Novello, die sehr charakterstarke, würzige Weine hervorbringt. Hinzu kommen geringe Anteile internationaler Sorten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc und Riesling sowie Cabernet Sauvignon, Merlot und Pinot Nero (Spätburgunder).
Fazit
"Die besten Lagen im Piemont sind wie heiliger Boden. Wer einmal einen perfekt gereiften Barolo aus einer Grand-Cru-Lage probiert hat, für den gibt es kein Zurück mehr", schreibt Antonio Galloni als einer der besten Kenner der Region. Doch wer das Piemont auf Barolo und Barbaresco beschränkt, der nimmt nur einen kleinen Teil des Piemonts wahr. Es ist eine Schatzkammer an unterschiedlichen Sorten, Regionen und Stilen, die es zu einem der spannendsten Anbaugebiete der Welt machen. Besonders ist zudem, dass auch die Genossenschaften einen sehr guten Ruf besitzen und man sich insgesamt auf eine beeindruckend hohe Qualität in der gesamten Region geeinigt hat, was in dieser Form anderswo selten der Fall ist.















