Rhône – der heißeste Süden, der Mistral und die großen, runden Kiesel
Was man unter dem Namen "Rhône" an Anbaugebieten und Weinen zusammenfasst, ist ein komplexes Gebilde. Die Gebiete teilen sich in die nördliche, die mittlere und die südliche Rhône. An ihren Ufern findet man sowohl Frankreichs erfolgreichsten Alltagswein, den "Côtes du Rhône", ebenso wie die großen Weine aus Hermitage, Côte-Rôtie, Gigondas oder Châteauneuf-du-Pape. In den letzten Jahren reüssieren zudem immer mehr besondere Weißweine, was im direkten Zusammenhang mit der Sorte Clairette steht. Am einflussreichsten aber sind natürlich jene roten Sorten, die gerne unter dem Kürzel "GSM" zusammengefasst werden: Grenache, Syrah und Mourvèdre.
Spricht man über die Rhône, dann zunächst über einen Fluss, der in den Schweizer Alpen entspringt und einige bedeutende Schweizer Weinbaugebiete durchquert, bevor er Frankreich erreicht. Auch dort ist er ein entscheidender Faktor für den Weinbau, der oft auf beiden Seiten des Flusses stattfindet. Von den 800 Kilometern Gesamtlänge streift er 200 Kilometer lang die Anbaugebiete der nördlichen und der südlichen Rhône, bis er bei Port-Saint-Louis-du-Rhône in das Mittelmeer mündet. Auf seiner Strecke fließt er 150 Kilometer lang parallel zur Loire und durchquert nicht weniger als sechs französische Départements. Auf seinem Weg von Lyon bis Marseille verändert sich die Landschaft dabei in erheblichem Maße – und damit natürlich auch die Weine. Diese haben eine Tradition, die bis in die Anfänge des französischen Weinbaus zurückreicht. Den dürften gleich zwei sehr unterschiedliche Volksstämme an den Ufern der Rhône begründet haben: die keltischen Allobroger in der heutigen schweizerisch-französischen Grenzregion und dort, wo sich heute Côte-Rôtie und Hermitage befinden, sowie griechische Stämme, die den Bereich von Marseille ab dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung besiedelt haben.
Ein Stück Land für die Legionäre
Wie so oft waren es die Römer, die auf bestehenden Strukturen den Weinbau massiv ausgeweitet haben. Dabei haben sie sich gerne und erfolgreich neue Techniken angeeignet, die sie von den Völkern, die sie unterwarfen, übernommen hatten. Im Falle der Allobroger dürfte das die Verwendung von Holzfässern gewesen sein, die der Nutzung von Amphoren deutlich überlegen ist, vor allem beim Transport. Unter römischer Herrschaft erlebte der Weinbau an der Rhône die erste große Blütezeit, denn nach römischen Prinzipien erhielt jeder Legionär, der seinen Dienst in der römischen Armee geleistet und überlebt hatte, ein Stück Land und Weinreben. Wer den Luberon, den Mont Ventoux und Städte wie Avignon, Orange, Arles oder Aix-en-Provence kennt, wird sich nicht wundern, dass sich viele Legionäre genau diese Region ausgesucht haben, um dort alt zu werden. Und es sind diese Städte, die bis heute über viele noch erhaltene römische Bauwerke verfügen. Doch nicht nur dort stößt man auf solche Relikte. Es gibt auch so manche Trockenmauer in Hermitage- oder Côte-Rôtie-Weinbergen, die damals bereits angelegt wurde.
Die Zeit der Päpste und Gegenpäpste
Dass die römisch-katholische Kirche schon allein wegen ihres Ritus den Weinbau entscheidend geprägt hat, muss eigentlich nicht mehr gesondert erwähnt werden. Doch für den Weinbau an der Rhône hat das eine ganz besondere Bedeutung, was sich am Namen der Appellation "Châteauneuf-du-Pape" ablesen lässt. Diese Zeit begann zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als der Erzbischof von Bordeaux, Bertrand de Got, im Jahr 1305 zum Papst gewählt wurde. Der verspürte damals keinerlei Lust, in der Engelsburg in Rom zu residieren, denn Rom soll damals eine regelrechte Kloake gewesen sein. Er wählte stattdessen Avignon als Sitz und brachte aus Bordeaux seinen eigenen Kellermeister mit. Bertrand, der sich fortan den Namen Clemens V. gab, hatte nämlich schon dort ein Weingut besessen. Es ist das älteste bis heute bestehende Weingut in ganz Bordeaux: Château Pape Clément. Bis ins Jahr 1423 residierten die Päpste in Avignon und fuhren im Sommer zu einem Landsitz, der Châteauneuf genannt wurde und der Appellation Châteauneuf-du-Pape ihren Namen verliehen hat. Für den Weinbau der Region war all das eine glückliche Fügung, denn auch später, als der Amtssitz des Papstes zurück nach Rom verlegt wurde, wurde weiterhin in umfangreichem Maße Wein aus der Region bezogen.
Die Entstehung der AOCs
Dass der Weinbau an der Rhône nicht immer so erfolgreich war wie heute, ist wahrscheinlich. Tatsächlich aber lag er nach der Reblauskatastrophe darnieder, denn es griff eine Form der Weinpanscherei um sich, die es vorher nie gegeben hatte. Es gab einen Mann, der die Initiative ergriff, sich dem entgegenzustellen und den guten Ruf des "Papstweins" zu retten. Es war Baron Pierre Le Roy de Boiseaumarié, kurz "Baron Le Roy" genannt. Der Jurist und ausgezeichnete Kampfpilot des 1. Weltkriegs war durch Heirat in den Besitz des bedeutenden Weinguts Château Fortia gekommen. Dabei fand er eine Region vor, die auch 1919 noch unter den Reblausfolgen, den erwähnten Weinfälschungen und unter Preisverfall litt. Zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter erkämpfte er ab 1923 wegweisende Regeln für Herkunft und Qualität, die später zum Modell für ganz Frankreich wurden. Sein unermüdlicher Einsatz führte 1935 zur Gründung der INAO (Institut National des Appellations d’Origine), deren Mitbegründer und langjähriger Präsident er war. Mit der Schaffung des AOC-Systems (Appellation d’Origine Contrôlée) legte er den rechtlichen Grundstein für den Schutz des Terroirs. Damit stellte er sicher, dass Weinbezeichnungen weltweit als Garantie für Boden, Rebsorte und Tradition anerkannt werden – ein Erbe, das bis heute das europäische Weinrecht prägt. So wurde "Châteauneuf-du-Pape" zur ersten AOC samt aller Statuten, zu denen auch die Auswahl der erlaubten Rebsorten gehörte. Damals wurde sie festgelegt auf: Grenache Noir, Gris und Blanc, Mourvèdre, Cinsault, Muscardin, Vaccarèse, Terret Noir und Counoise sowie Clairette Blanche und Rosé, Roussanne, Bourboulenc, Picpoul Blanc und Gris sowie die äußerst seltene Picardan.
Rhône septentrional
Die "Rhône septentrional" oder nördliche Rhône gehört sicher zu den spektakulärsten Anbaugebieten Frankreichs. Manche steilen Weinberge, zum Beispiel in der Côte-Rôtie, sind mit der Mosel oder Weinbergen am Douro zu vergleichen. Allerdings nicht nur, was die Steigung angeht: Man findet dort auch durchaus Schiefervorkommen. Dazu gibt es Granit, etwas Kalk, Gneis und Glimmer. Das Anbaugebiet beginnt unterhalb von Lyon nahe der Stadt Vienne mit der Appellation Château-Grillet – die für ein einzelnes Weingut reserviert ist – sowie Condrieu und Côte-Rôtie. Château-Grillet und Condrieu sind reine Weißweinappellationen der Sorte Viognier, Côte-Rôtie ist für Syrah und Serine reserviert; es dürfen aber kleine Mengen Viognier-Trauben mitvergoren werden. Hier hat das 1971 gegründete Weingut René Rostaing seinen Sitz und erzeugt an der sogenannten "Côte Brune" und "Côte Blonde" Weltklasse-Weine.
Das Rhône-Tal ist im Norden eng, die Weinberge oft terrassiert, das Klima heiß und kontinental – der Name "Côte-Rôtie" kommt nicht von ungefähr. Neben diesen berühmten Appellationen gibt es weitere, allen voran Cornas und Hermitage, wo das ikonische Weingut Jean-Louis Chave über 14 Hektar verfügt. Die Familie betreibt dort seit dem 15. Jahrhundert Weinbau. Der Hermitage-Hügel oberhalb von Tain l’Hermitage gehört sicher zu den berühmtesten Weinbergen der Welt. Weine wie die von Chave werden aus Syrah beziehungsweise aus Marsanne und Roussanne erzeugt, wenn es um die weißen Varianten geht. Oberhalb des Hermitage liegt Crozes-Hermitage, Heimat von Alain Graillot. Nicht ganz so ikonisch, dafür aber preislich schwer zu schlagen, entstehen auch dort exzellente, charaktervolle Syrahs, die auch in der Jugend schon leichter verständlich sind, aber in guten Jahrgängen ebenfalls exzellent reifen. Ähnlich ist es mit den Weinen aus der Appellation Saint-Joseph. Hinzu kommt die Appellation Saint-Péray für Weißweine und Schaumweine aus Marsanne und Roussanne.
Nach Saint-Péray ist für die nächsten 50 Kilometer Schluss mit Weinbau an der Rhône: Der Fluss wird begradigt, und an seinen Ufern stehen Atomkraftwerke. Man macht sich lieber auf ins Hinterland der Drôme. An jenem Nebenfluss liegen die Anbaugebiete Châtillon-en-Diois, Clairette de Die, Coteaux de Die und Crémant de Die mit einer historisch bedeutsamen Schaumweinproduktion.
Rhône méridional
Zurück zum Fluss: Unterhalb von Montélimar beginnt das Anbaugebiet der südlichen Rhône, die "Rhône méridional", mit der AOP Coteaux du Tricastin. Die Landschaft hat sich gegenüber der nördlichen Rhône völlig verändert. Die einzige Verbindung der Regionen ist der "Côtes du Rhône", der Wein, den jeder kennt, der je ein Glas Wein in der Hand hatte. Ein einfach zu verstehender, aber nicht zwingend einfacher Wein. Denn auch die besten Weingüter der Region erzeugen diesen erfolgreichen, längst zur Marke der Region gewordenen Gutswein.
Die einfachen Weinberge beginnen schon in Flussnähe mit alluvialem Schwemmland, dort, wo die Rhône einst ihr Bett verlagert hat. Dann wird es hügeliger, die Weinberge sind zunehmend von Lehm, Sand, Ton und den berühmten "galets roulés" geprägt, jenen großen runden Kieselsteinen, die die Eiszeit einst hierhin befördert hat und die tagsüber die Wärme speichern und nachts wieder abgeben. In der Ferne erkennt man die markanten Zacken der Dentelles de Montmirail und noch weiter in der Ferne die Montagne du Luberon und den Berg der Rennradfahrer, den Mont Ventoux. Sie alle prägen nicht nur die Landschaft, sondern in besonderer Weise auch den Weinbau, denn an den Mittelgebirgen gibt es unter anderem kalkige Böden. Allein die Dentelles de Montmirail sind von einer Vielzahl bekannter Appellationen umgeben, die alle zu den sogenannten "Côtes du Rhône Villages" zählen: Sablet, Rasteau, Séguret, Beaumes-de-Venise sowie die drei Cru-Ortschaften Cairanne, Vacqueyras und Gigondas. Auch die Appellation Châteauneuf-du-Pape ist nicht mehr weit entfernt. Sie ist sicher die berühmteste Appellation der Region, doch bei 3.200 Hektar Gesamtfläche gibt es neben viel Licht, wie den großartigen Weinen des Château La Nerthe, auch weniger bemerkenswerte Weine. Die deutlich kleinere Appellation Gigondas steht bis heute ein wenig im Schatten, doch hat es sich herumgesprochen, dass hier Weine auf oftmals gleichwertigem Niveau entstehen, die aber einen anderen Charakter besitzen. Die besten Châteauneuf-du-Pape-Lagen sind sandig und bestockt mit uraltem Grenache. Die besten Lagen von Gigondas, wo die Domaine Brusset ihren Sitz hat, reichen hoch bis auf 500 Meter und sind oft von Kalk geprägt.
Neben Alltagsweinen der Côtes du Rhône findet man 22 Côtes-du-Rhône-Villages-Appellationen, bei denen der Name des Ortes mit auf dem Etikett erscheinen darf. In Séguret ist es die Domaine de l'Amauve, die hier Côtes du Rhône Villages erzeugt. Überall dominiert Grenache vor Mourvèdre und Syrah. Welche weiteren typischen Rebsorten der Rhône erlaubt sind, ist jeweils verschieden und unterscheidet sich auch von der Gesetzgebung in Châteauneuf-du-Pape. Zudem gibt es Veränderungen, denn seit Neuestem darf beispielsweise in Gigondas auch ein "Gigondas blanc" erzeugt werden. Neben den klassischen Rhône-Appellationen für trockene Weine gibt es die beiden Süßweinappellationen Beaumes-de-Venise und Rasteau für "vin doux naturel" sowie die etwas abseits gelegenen, schon provenzalisch anmutenden Bereiche Luberon und Ventoux.
Fazit
Mit rund 65.000 Hektar ist die Rhône nach dem Languedoc-Roussillon und Bordeaux das drittgrößte Anbaugebiet Frankreichs. Und es könnte kaum diverser sein. Von den Terrassen der Nordrhône mit den Spitzenweinen aus Syrah, Viognier, Marsanne und Roussanne geht es in die hügelige Landschaft des Südens, wo Grenache, Syrah und Mourvèdre triumphieren und ein klassischer "Châteauneuf-du-Pape" für nicht weniger als 16 Rebsorten steht. Es gibt die raren Spitzenweine vom Hermitage-Hügel, der Côte-Rôtie und Cornas ebenso wie die einfachen "Côtes du Rhône", die bis heute im Einstiegssegment einen guten Ruf genießen. Mit dem Klimawandel und veränderten Trinkgewohnheiten kommen Rebsorten wie die uralte Clairette zu neuem Ruhm.








