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Der Name darf nicht leer sein.

Chassagne-Montrachet – Kraft, Tiefe und die große Vielschichtigkeit des weißen Burgunds

Wenn Puligny-Montrachet als die aristokratische und präziseste Interpretation des Chardonnay gilt und Meursault für Schmelz und Sinnlichkeit steht, dann verkörpert Chassagne-Montrachet die kraftvollste, erdigste und oft komplexeste Seite der großen weißen Bourgogne. Kaum eine andere Gemeinde der Côte de Beaune verbindet eine solche Tiefe und Struktur mit mineralischer Spannung und gleichzeitiger gastronomischer Vielseitigkeit. Erstaunlich ist, dass es hervorragende Terroirs für Pinot Noir in Chassagne gibt, die Rotweine aber bis heute weitgehend ignoriert werden.

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Vom "Chassagne-le-Haut" zu Chassagne-Montrachet

Chassagne-Montrachet liegt am südlichen Ende der Côte de Beaune und grenzt direkt an Puligny-Montrachet sowie an Saint-Aubin und Santenay. Gemeinsam mit Puligny teilt sich die Gemeinde die berühmtesten Grand-Cru-Lagen der Welt rund um Le Montrachet. Gleichzeitig besitzt Chassagne aber eine eigenständige Persönlichkeit. Die Weine wirken häufig etwas breiter, würziger und strukturierter als jene aus Puligny, behalten jedoch die kalkige Spannung und Präzision, die große weiße Burgunder auszeichnen. Insgesamt gibt es hier 180 Hektar Chassagne-Montrachet Village, 159 Hektar Chassagne-Montrachet 1er Cru und 11,4 Hektar Chassagne-Montrachet Grand Cru.
Die Gemeinde trug ursprünglich den Namen Chassagne-le-Haut. Erst 1879 ergänzte man – wie auch in Puligny – den prestigeträchtigen Zusatz "Montrachet", um die Verbindung zum berühmtesten Weinberg der Welt hervorzuheben. Dieser Schritt war keineswegs nur symbolisch, sondern hatte erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Montrachet galt bereits damals als einer der größten und teuersten Weißweine Frankreichs. Ähnliches gilt ja auch für Aloxe-Corton, Gevrey-Chambertin oder Vosne-Romanée, wo die Namen der berühmtesten climats zum Ortsnamen hinzugefügt worden sind.
Historisch spielte in Chassagne lange Zeit der Rotwein eine wesentlich größere Rolle als heute. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein dominierte der Pinot Noir große Teile der Rebflächen. Erst nach der Reblauskrise und mit dem internationalen Aufstieg der weißen Burgunder verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf Chardonnay. Noch heute existieren allerdings bedeutende rote Premier Crus innerhalb der Gemeinde, was Chassagne von Puligny oder Meursault deutlich unterscheidet. Sie erreichen jedoch nie auch nur annähernd die Preise der Weißweine.

Kalkstein, Lehm und eine andere Art von Mineralität

Die Geologie Chassagnes ähnelt grundsätzlich jener der benachbarten Gemeinden, zeigt jedoch wichtige Unterschiede. Die Böden bestehen ebenfalls aus Kalkstein und Mergel des Jura, weisen vielerorts jedoch höhere Lehm- und Tonanteile auf. Dadurch entstehen häufig kraftvollere und strukturiertere Weine. Besonders die unteren Hangbereiche liefern oft etwas breitere und reichhaltigere Weine, während die höher gelegenen und steinigeren Parzellen mehr Präzision und Frische zeigen. Genau diese Vielfalt macht Chassagne-Montrachet so faszinierend.
Typisch für große Chassagnes ist eine Kombination aus reifer Frucht, rauchiger Mineralität und würziger Tiefe. Neben Zitrusfrüchten und weißen Blüten treten oft Aromen von gerösteten Haselnüssen, Butter, Feuerstein, Rauch, Kräutern und manchmal sogar leicht exotischen Noten auf. Im Vergleich zu Puligny wirken die Weine häufig weniger streng und linear, dafür körperreicher und oft unmittelbarer. Gleichzeitig besitzen große Chassagnes genügend Kalkspannung, um niemals schwer zu erscheinen.
Die Rotweine wirken – abgesehen vom Clos St. Jean – tendenziell ein wenig rustikaler und damit oftmals ein wenig so wie Pommards. Da die Rotweine keine hohen Preise erzielen, werden die Rebanlagen auch nicht so penibel behandelt, wie die der Chardonnays und oftmals gibt es noch weniger gutes Klonmaterial. Doch bei den Erzeugern, die sich dem Pinot Noir mit der gleichen Hingabe widmen wie dem Chardonnay, können magische Rotweine entstehen. Wir denken dabei vor allem an Jean-Marc Pillot.

Montrachet – der mythische Mittelpunkt

Wie Puligny besitzt auch Chassagne Anteile an den berühmtesten Grand Crus der Côte de Beaune. Im Zentrum steht Le Montrachet selbst – jener Weinberg, der seit Jahrhunderten als Referenz für trockenen Weißwein gilt. Montrachet liegt genau an der Grenze zwischen beiden Gemeinden. Der obere Teil gehört zu Puligny, der untere zu Chassagne. Stilistisch unterscheiden sich die Weine oft subtil: Während die Puligny-Seite häufig etwas straffer und mineralischer wirkt, besitzen die Chassagne-Parzellen nicht selten mehr Kraft und Opulenz.
Große Montrachets gehören zu den monumentalsten Weißweinen der Welt. Sie verbinden Konzentration, Dichte und nahezu unendliche Länge mit einer Präzision, die trotz aller Kraft nie verloren geht. Viele Weine entwickeln sich über Jahrzehnte hinweg und gewinnen dabei an Komplexität, Würze und Tiefe.

Criots-Bâtard-Montrachet

Chassagne besitzt Anteile an mehreren Grand Crus. Das sind neben Montrachet bzw. Le Montrachet auch Bâtard-Montrachet, ein kleiner Teil des sowieso schon kleinen Bienvenues-Bâtard-Montrachet (alle drei bei Puligny-Montrachet beschrieben), sowie exklusiv das climat Criots-Bâtard-Montrachet.
Mit 1,57 Hektar ist Criots-Bâtard-Montrachet die kleinste Grand-Cru-Appellation der Côte de Beaune. Kaum eine der acht Besitzerfamilie hat mehr zur Verfügung, um ein einzelnen Fass zu füllen. Die Weine präsentieren sich häufig etwas früher zugänglich als Bâtard-Montrachet, besitzen aber dennoch große Konzentration und Tiefe.

Premier Crus von außergewöhnlicher Vielfalt

Die große Stärke Chassagnes liegt jedoch nicht nur in den Grand Crus, sondern ebenso in der beeindruckenden Vielfalt seiner Premier-Cru-Lagen. Viele davon gehören zu den spannendsten Herkünften des weißen Burgunds überhaupt. Insgesamt sind es je nach Zählung 19 oder 22, denn drei der climats sind in jeweils zwei aufgeteilt. Besonders bedeutend sind Les Caillerets, Les Ruchottes, Les Vergers, Morgeot, Les Chenevottes, La Romanée, Les Embrazées und Les Baudines.

Les Caillerets

Der 10,68 Hektar umfassende Caillerets gehört zu den feinsten und mineralischsten Lagen Chassagnes. Der hohe Kalkanteil und die steinigen Böden erzeugen Weine mit enormer Präzision und Eleganz. Viele Caillerets wirken fast wie eine Verbindung aus Chassagne-Tiefe und Puligny-Finesse. Die Namensgebung ist hier ein wenig kompliziert, denn der climat Caillerets besteht eigentlich aus vier Teilen namens En Cailleret, Chassagne, Les Combards und Vigne Derrière, weshalb er oftmals unter dem Namen "Les Caillerets" subsumiert wird. Einen wunderbaren Ausdruck bietet der Les Caillerets von Jean-Marc Pillot. 

Clos Saint-Jean

Eine Besonderheit Chassagnes ist die bis heute bedeutende Rolle des Pinot Noir. Anders als Puligny oder Meursault besitzt die Gemeinde eine lange Tradition großer Rotweine. Noch heute entstehen in einigen Premier Crus bemerkenswerte Pinot Noirs. Historisch war der Rotweinanteil sogar deutlich höher. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche Parzellen auf Chardonnay umgestellt, weil sich weiße Burgunder wirtschaftlich erfolgreicher entwickelten. Trotzdem zeigt Chassagne bis heute, dass die Gemeinde keineswegs ausschließlich für Weißwein geeignet ist. Gerade in etwas tieferen oder lehmreicheren Lagen entstehen kraftvolle und würzige Pinot Noirs mit markanter Struktur. 
Das beste Beispiel liefert der Clos Saint-Jean, der 14,16 Hektar umfasst. Auch er besteht aus mehreren einzelnen Teilen mit eigenen Namen wie Les Rebichets, Les Murées oder Chassagne du Clos St-Jean, die noch von einzelnen Trockenmauern abgegrenzt sind. Die Lage gehörte lange zur 589 gegründeten Benediktinerabtei St-Jean-le-Grand in Autun. In dieser Lage entsteht der feinste Pinot Noir der Appellation, der einen wunderbaren Ausdruck in den Clos Saint-Jean der Domaine Jean-Marc Pillot findet.

Holz, Reduktion und moderner Stil

Wie in der gesamten Côte de Beaune hat sich auch in Chassagne-Montrachet die Stilistik in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Während früher häufig stärker oxidativ und mit viel neuem Holz gearbeitet wurde, setzen viele Spitzenproduzenten heute auf präzisere und terroirbetontere Ansätze. Holz bleibt dennoch ein wichtiger Bestandteil des Ausbaus. Große Chassagnes profitieren von Barriques und langem Hefelager, solange das Holz die Mineralität nicht überdeckt. Viele moderne Weine zeigen zudem leichte reduktive Noten von Feuerstein oder Rauch, die heute oft bewusst gesucht werden. Diese Stilistik unterstreicht die kalkige Spannung der Weine und verleiht ihnen zusätzliche Komplexität.

Chassagne-Montrachet und die große Küche

Kaum ein Wein eignet sich besser für kraftvolle und zugleich elegante Gerichte der französischen Küche als Montrachet. Die Verbindung aus Struktur, Säure und Mineralität erlaubt eine enorme Vielfalt an Kombinationen. Besonders hervorragend harmonieren die Weine mit Hummer, Langusten, Steinbutt oder Kalb in cremigen Saucen. Gleichzeitig passen gereifte Chassagnes ausgezeichnet zu Geflügel mit Morcheln, Trüffelgerichten oder gereiftem Käse. Im Vergleich zu Puligny wirken die Weine oft gastronomisch etwas flexibler, weil ihre Struktur und Würze auch kräftigere Gerichte tragen können.

Fazit

Chassagne-Montrachet besitzt innerhalb der Riege der großen weißen Burgunder eine besondere Stellung. Die Gemeinde verbindet die kalkige Präzision Pulignys mit einer zusätzlichen Dimension aus Kraft, Würze und Tiefe. Gleichzeitig macht die historische Verbindung von Rot- und Weißwein Chassagne außergewöhnlich vielschichtig. Kaum eine andere Appellation der Côte de Beaune zeigt eine vergleichbare stilistische Bandbreite.
Große Chassagne-Montrachets besitzen jene seltene Fähigkeit, gleichzeitig monumental und lebendig zu wirken. Sie beeindrucken nicht durch bloße Opulenz, sondern durch ihre innere Spannung und ihre komplexe Textur. Wichtig ist zu wissen, welche der zahlreichen Premier Cru besser für Chardonnay als für Pinot Noir geeignet sind – und umgekehrt. Da man mit den weißen Chassagne 1er Cru deutlich höhere Preise erzielen kann, wird immer mehr Chardonnay auf Böden gepflanzt, die besser für Pinot Noir geeignet sind. Glücklicherweise schätzt unser Winzer die roten Chassagnes ebenso sehr wie sein weißen.