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Saint-Joseph – die lang unterschätzte Seele der Nordrhône

Es gab eine Zeit, da floss der begehrteste Saft der Nordrhône nicht etwa aus den Kellern von Hermitage oder der Côte Rôtie, sondern aus den Steillagen von Mauves. Die dortigen Hänge lieferten eine Zeit lang die Lieblingsweine französischer Könige. Heute trägt dieses geschichtsträchtige Land den Namen Saint-Joseph. Nach Jahrzehnten des Vergessens und einer Identitätskrise im 20. Jahrhundert erlebt die Appellation derzeit eine spektakuläre Renaissance. Sie gilt heute wieder als Seele des westlichen Rhôneufers und als Heimat eleganter Syrah-Weine mit ausgeprägter Frische und feiner Frucht. Daneben entstehen einige der interessantesten Weißweine der Nordrhône aus Marsanne und Roussanne. 

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Die historischen Vins de Mauves

Die Geschichte des Weinbaus reicht hier mindestens bis in die Römerzeit zurück. Besonders rund um Mauves und Tournon-sur-Rhône entstanden schon früh bedeutende Weinberge an den steilen Granithängen oberhalb des Flusses. 
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren die sogenannten "Vins de Mauves" weit über die Region hinaus bekannt. Zeitweise genossen sie einen ähnlich hohen Ruf wie die Weine aus Hermitage oder von der Côte Rôtie. König Ludwig XII. ließ sich in Mauves sogar einen eigenen Weinberg anlegen, was die damalige Bedeutung der Herkunft eindrucksvoll verdeutlicht.
Wie viele Weinregionen der Nordrhône geriet jedoch auch Saint-Joseph später in eine lange Phase des Niedergangs. Reblauskrise, Industrialisierung, Landflucht und zwei Weltkriege führten dazu, dass zahlreiche Terrassen aufgegeben wurden. Die aufwendige Bewirtschaftung der Steillagen lohnte sich wirtschaftlich kaum noch.

Eine junge Appellation mit schwieriger Entwicklung

Verglichen mit den anderen großen Crus der Nordrhône erhielt Saint-Joseph erst relativ spät den offiziellen Appellationsstatus. Im Jahr 1956 wurde die Appellation Saint-Joseph gegründet. Damals umfasste sie lediglich rund 1.000 Hektar potenzieller Rebfläche in sechs Gemeinden rund um den historischen Kernbereich bei Mauves und Tournon. Die Qualität der Weinberge war hoch, die Herkunft klar definiert.
1969 erfolgte dann eine massive Erweiterung. Die Appellation wurde um zwanzig weitere Gemeinden vergrößert und erstreckte sich nun über eine potenzielle Fläche von rund 7.500 Hektar. Zu den neu aufgenommenen Orten gehörte sogar eine Gemeinde mit dem Namen Champagne – ein echtes Kuriosum.
Diese Erweiterung erwies sich jedoch als problematisch. Zahlreiche neu zugelassene Flächen lagen nicht mehr an den traditionellen Hängen, sondern auf Hochplateaus oder in der Ebene. Diese Weinberge waren zwar einfacher zu bewirtschaften, erreichten qualitativ jedoch nicht das Niveau der historischen Terrassenlagen.
Die Folge war eine schleichende Verlagerung des Weinbaus weg von den anspruchsvollen Steilhängen. Viele der alten Trockenmauern verfielen, während die leichter zugänglichen Flächen bevorzugt bewirtschaftet wurden.

Die Rückkehr zu den historischen Terroirs

Anfang der 1990er Jahre erkannte man die Gefahr. 1992 wurde die Appellation grundlegend reformiert. Die Zahl der Gemeinden blieb zwar unverändert, doch die tatsächlich zulässige Rebfläche wurde drastisch reduziert. Zahlreiche weniger geeignete Parzellen verloren ihren Appellationsstatus.
Diese Entscheidung gilt heute als Wendepunkt in der Geschichte von Saint-Joseph. Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die historischen Hanglagen, die den Ruf der Herkunft ursprünglich begründet hatten.
Bis heute wird nur ein Bruchteil der theoretisch verfügbaren Fläche tatsächlich bewirtschaftet. Viele der besten Weinberge befinden sich wieder auf den alten Granitterrassen, die das Gesicht der Appellation seit Jahrhunderten prägen.

Eine Appellation mit vielen Gesichtern

Die enorme Nord-Süd-Ausdehnung macht Saint-Joseph zu einer der vielfältigsten Herkünfte der Rhône. Der historische Kern liegt zwischen Mauves, Tournon-sur-Rhône und Saint-Jean-de-Muzols. Hier befinden sich die berühmten Weinberge von Mauves sowie die legendäre Lage Sainte-Épine, die heute zu den renommiertesten Terroirs der gesamten Appellation zählt. In diesen Bereichen dominiert Granit. Die Böden bestehen aus verwittertem Granitgestein, das den Reben ideale Bedingungen bietet. Die Weine zeigen hier eine besondere Präzision, Würze und mineralische Spannung, die man in den Weinen von Jean-Louis Chave unschwer erkennen kann.
Weiter nördlich und südlich treten zunehmend Gneis und Glimmerschiefer hinzu. Im äußersten Süden finden sich darüber hinaus kalkhaltigere Böden, die besonders für die weißen Rebsorten von Bedeutung sind. Genau diese geologische Vielfalt erklärt die unterschiedlichen Stilrichtungen innerhalb der Appellation. Während einige Saint-Joseph-Weine fast an die Finesse eines Côte Rôtie erinnern, besitzen andere mehr Kraft und Struktur.

Syrah in ihrer elegantesten Form

Mehr als 90 % der Produktion entfallen auf rote Weine aus Syrah. Die Rebsorte findet in Saint-Joseph Bedingungen vor, die sie besonders fein und aromatisch erscheinen lassen.
Typische Weine zeigen rote und schwarze Früchte, Veilchen, schwarzen Pfeffer, Rauch und Kräuterwürze. Im Vergleich zu Hermitage wirken sie meist weniger massiv, im Vergleich zu Cornas zugänglicher und etwas filigraner.
Wie in der Côte Rôtie dürfen auch hier kleine Mengen weißer Rebsorten gemeinsam mit der Syrah vergoren werden. Marsanne und Roussanne können zusätzliche aromatische Nuancen und eine feinere Textur beisteuern. Diese Praxis ist heute weniger verbreitet als früher, gehört aber weiterhin zur Tradition der Appellation. 

Die weißen Schätze von Saint-Joseph

Obwohl sie nur etwa zehn Prozent der Produktion ausmachen, verdienen die Weißweine besondere Aufmerksamkeit. Sie werden aus Marsanne und Roussanne erzeugt, wobei Marsanne den weitaus größten Anteil stellt.
Die Weine verbinden häufig reife Steinfrucht, Birne, Honig, Kräuter und Mandeln mit einer für die Rhône bemerkenswerten Frische. Je nach Ausbau können sie kraftvoll und würzig oder deutlich moderner und zitrischer wirken.
Während viele weiße Rhône-Weine außerhalb Frankreichs wenig Beachtung finden, gehören die besten Saint-Joseph Blanc zu den charaktervollsten Weißweinen des Landes. Gute Exemplare entwickeln über Jahre zusätzliche Komplexität und gewinnen deutlich an Tiefe. Ein Beispiel dafür ist der "Circa blanc" der J.-L. Chave Selection.

Fazit

Stilistisch nimmt Saint-Joseph innerhalb der Nordrhône eine besondere Position ein. Die Weine besitzen häufig nicht die monumentale Dichte eines großen Hermitage und auch nicht immer die florale Opulenz einer Côte Rôtie. Dafür vereinen sie Eigenschaften beider Herkünfte auf elegante Weise.
Sie verbinden die Frische und Präzision granitgeprägter Böden mit die Würze und Struktur der Syrah. Gleichzeitig bleiben sie oft zugänglicher und preislich attraktiver als die berühmteren Nachbarn. Vielleicht erklärt genau das die zunehmende Beliebtheit der Appellation. Nach Jahrzehnten im Schatten anderer Crus hat die Appellation wieder jene Bedeutung erlangt, die ihre historischen Vins de Mauves bereits vor Jahrhunderten besaßen.