Bourgogne AOP – das Fundament Burgunds
Wer ans Burgund denkt, hat meist berühmte Appellationsnamen wie Meursault, Gevrey-Chambertin oder Vosne-Romanée vor Augen. Doch das eigentliche Fundament dieser Weinregion bilden die regionalen und subregionalen Appellationen der Bourgogne AOP. Sie machen den größten Teil der Produktion aus, ziehen sich von Chablis bis ins Mâconnais und zeigen oft besonders präzise, wie unterschiedlich Pinot Noir, Chardonnay oder Aligoté innerhalb Burgunds ausfallen können. Gerade in Zeiten enorm gestiegener Preise für Village-, Premier- und Grand-Cru-Weine gewinnen diese Appellationen zusätzlich an Bedeutung – nicht nur als Einstieg in die Welt Burgunds, sondern zunehmend auch als eigenständige Kategorie mit hohem qualitativen Anspruch.
Eine Region mit vielen Gesichtern
Die regionale Appellation "Bourgogne" wurde bereits 1937 geschaffen und umfasst heute nahezu das gesamte Weinbaugebiet Burgunds. Anders als oft angenommen, handelt es sich dabei keineswegs um eine homogene Herkunft. Die Weine können aus unterschiedlichen Teilen Burgunds stammen, teilweise auch aus Verschnitten verschiedener Gemeinden oder Teilregionen. Gleichzeitig existieren zahlreiche geografische Zusätze und eigenständige regionale Herkunftsbezeichnungen, die deutlich spezifischere Terroirs definieren.
Um es einmal aufzulisten, gibt es insgesamt neben Bourgogne Rouge und Bourgogne Blanc, Bourgogne Chardonnay, Bourgogne Pinot Noir, Bourgogne Aligoté, Bourgogne Passe-Tout-Grains, Côteaux Bourguignons, Crémant de Bourgogne, Bourgogne Hautes-Côtes de Nuits, Bourgogne Hautes-Côtes de Beaune, Bourgogne Côte Chalonnaise und Mâcon-Villages jeweils mit dem Zusatz "AOP". Diese Appellationen (AOPs) umfassen zusammen rund 14.000 bis 16.000 Hektar. Das entspricht etwa 50–55 % der gesamten Rebfläche bzw. Produktion Burgunds. Die eigentliche generische Appellation Bourgogne AOP selbst liegt – je nach Jahr und inklusive geografischer Zusätze – bereits bei ungefähr 3.000 bis 3.500 Hektar.
Geprägt wird das Burgund vor allem durch Kalk- und Mergelböden aus dem Jurazeitalter. Doch Klima, Exposition und Höhenlage verändern sich innerhalb der Region teilweise drastisch. Während Chablis stärker kontinental geprägt ist und auf Kimmeridge-Kalk basiert, wirken die südlicheren Regionen wärmer und großzügiger. Genau diese Unterschiede spiegeln sich in den regionalen Bourgogne-Appellationen wider.
Bourgogne Chardonnay und Bourgogne Pinot Noir
Die wichtigsten Basisweine der Region sind Bourgogne Chardonnay AOP und Bourgogne Pinot Noir AOP. Sie sind die eigentliche Visitenkarte der jeweiligen Domaine, denn viele Spitzenbetriebe behandeln ihre regionalen Weine heute mit nahezu derselben Sorgfalt wie ihre Spitzenlagen. Bourgogne Chardonnay wie jene von Bouzereau (Michel) et Fils oder François Carillon zeigen meist eine klare Frucht mit Zitrusnoten, weißen Blüten, grünem oder gelbem Steinobst und kalkiger Frische. Der Holzeinsatz bleibt häufig moderat, wobei renommierte Erzeuger ihren Basisweinen dennoch erstaunliche Tiefe und Struktur verleihen können. Bourgogne Pinot Noir bewegt sich stilistisch zwischen roter Kirsche, Himbeere, floralen Noten und feiner Würze. Je nach Herkunft reicht das Spektrum von eher schlanken, säurebetonten Interpretationen bis hin zu erstaunlich substanzvollen Weinen mit deutlicher Côte-d’Or-Prägung.
Bourgogne Aligoté – die Renaissance einer unterschätzten Rebsorte
Lange galt Aligoté als einfache Rebsorte für Kir oder unkomplizierte Bistro-Weine. Doch dieses Bild hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die besten Bourgogne Aligoté AOP zeigen heute enorme Spannung, Frische und Mineralität. Die Sorte, die die gleichen Eltern wie Chardonnay und Gamay besitzt, ist bisher ein Profiteur des Klimawandels und er wird von vielen Betrieben genutzt, um einen zeitgemäßen, etwas schlankeren, frischen Burgund-Stil zu zeigen.
Die Rebsorte bringt von Natur aus eine hohe Säure mit und wirkt häufig zitrischer, salziger und geradliniger als Chardonnay. Gute Exemplare erinnern an Limette, grünen Apfel, Kräuter und weiße Blüten. Gleichzeitig entstehen zunehmend ernsthafte, langlebige Interpretationen aus alten Rebanlagen, oft biologisch oder biodynamisch bewirtschaftet und mit sehr zurückhaltendem Holzeinsatz ausgebaut.
Bourgogne Passe-Tout-Grains und Bourgogne Gamay
Zu den traditionellen regionalen Appellationen gehören auch die Bourgogne Passe-Tout-Grains AOP und Bourgogne Gamay AOP. Passe-Tout-Grains erlaubt die gemeinsame Verwendung von Pinot Noir und Gamay und erinnert daran, dass Gamay in Burgund historisch deutlich weiter verbreitet war als heute. Dass das nicht mehr so ist, geht auf ein Verbot aus dem Jahr 1395 zurück, als Herzog Philipp der Kühne den Anbau von Gamay in den besseren Lagen des Herzogtums nicht mehr erlaubte. In seinem berühmten Edikt bezeichnete er die Sorte als „sehr schlechte und untreue Pflanze“ („très mauvais et très déloyal plant“), was so ein bisschen an die Sprechweise von Donald Trump erinnert. Hintergrund war weniger die Qualität der Rebsorte selbst, als vielmehr der Wunsch, die prestigeträchtigeren Pinot-Noir-Weine Burgunds zu fördern und die Reputation der Region zu stärken. In der Folge wurde Gamay nach und nach aus den besten Lagen der Côte d’Or verdrängt und wich zunehmend in den südlicheren Teil Burgunds aus – vor allem ins heutige Beaujolais. Viele Winzer aber hielten am Gamay fest und glaubten an ihn. Sie pflanzten ihn zusammen mit dem Pinot Noir in einen Weinberg als gemischten Satz, was in damaligen Zeiten sowieso üblich war. Daher stammt auch der Name. "Passe tout grains" heißt so viel wie "alles durch den Korb" oder sinngemäß "Mischung aus allen Trauben". Der Ausdruck stammt aus dem damaligen burgundischen Sprachgebrauch und verweist darauf, dass unterschiedliche Rebsorten gemeinsam gelesen und verarbeitet wurden.
Die Weine wirken meist saftig, rotfruchtig und unkompliziert, können bei guten Erzeugern aber erstaunlich viel Charakter und Trinkfluss entwickeln. Gerade im Zuge des Klimawandels gewinnt Gamay auch in Burgund wieder etwas an Bedeutung.
Côteaux Bourguignons – die moderne Regionalappellation
Mit der Côteaux Bourguignons AOP wurde 2011 die frühere Appellation Bourgogne Grand Ordinaire AOC ersetzt. Sie erlaubt eine größere geografische und stilistische Freiheit und reicht theoretisch vom Beaujolais bis nach Chablis.
Neben Pinot Noir und Chardonnay dürfen hier unter anderem auch Gamay, Aligoté, César oder Melon de Bourgogne verwendet werden. Die Weine wirken häufig bewusst zugänglich und unkompliziert, gleichzeitig nutzen manche ambitionierte Erzeuger die Appellation für experimentellere oder unkonventionellere Interpretationen.
Die Hautes-Côtes – Burgund in der Höhe
Besonders dynamisch entwickeln sich seit einigen Jahren die höher gelegenen Regionen der Hautes-Côtes de Nuits AOP sowie der Hautes-Côtes de Beaune AOP. Lange galten diese Gebiete oberhalb der Côte d’Or als kühlere Randlagen für eher einfache Weine. Tatsächlich wurden die Trauben früher oft nicht reif. Doch auch hier hat der Klimawandel die Voraussetzungen stark verändert.
Die höhere Lage sorgt heute oft für kühlere Nächte, längere Vegetationsperioden und bessere Balance. Gleichzeitig bleiben die Preise deutlich niedriger als in den berühmten Kernlagen der Côte d’Or. Vor allem Chardonnay aus den Hautes-Côtes de Beaune zeigt inzwischen bemerkenswerte Präzision und Frische.
Côte de Beaune-Villages und Côte de Nuits-Villages
Zwischen regionaler und kommunaler Ebene stehen Appellationen wie Côte de Beaune-Villages AOP oder Côte de Nuits-Villages AOP. Sie bündeln mehrere Gemeinden innerhalb ihrer jeweiligen Teilregionen und bieten oft erstaunlich viel Côte-d’Or-Charakter zu vergleichsweise moderaten Preisen.
Vor allem Côte de Nuits-Villages kann Pinot Noir mit bemerkenswerter Würze, Struktur und Tiefe hervorbringen, während Côte de Beaune-Villages häufig die offenere, zugänglichere Seite des südlichen Burgunds zeigt.
Côte Chalonnaise – Burgund zwischen Côte d’Or und Mâconnais
Die Côte Chalonnaise AOP bildet das Bindeglied zwischen der prestigeträchtigen Côte d’Or und dem weiter südlich gelegenen Mâconnais. Obwohl es hier keine Grand Crus gibt, gehört die Region heute zu den spannendsten Herkunftsgebieten Burgunds.
Die Weinberge rund um Mercurey, Givry, Rully, Montagny und Bouzeron liegen auf kalk- und mergelhaltigen Böden und profitieren von einem etwas wärmeren, zugleich aber weiterhin klar kontinental geprägten Klima. Gerade hier entstehen viele Bourgogne-Weine mit bemerkenswertem Preis-Genuss-Verhältnis.
Pinot Noir zeigt häufig etwas dunklere Frucht und offenere Würze als weiter nördlich, während Chardonnay mineralisch und geradlinig ausfallen kann. Besonders wichtig ist die Côte Chalonnaise zudem für Aligoté: Mit der der Bouzeron AOP besitzt das Burgund hier die einzige kommunale Appellation, die ausschließlich dieser lange unterschätzten Rebsorte gewidmet ist.
Mâconnais – der Süden Burgunds
Auch die Mâconnais AOP spielt innerhalb der regionalen Bourgogne-Appellationen eine zentrale Rolle. Das wärmere Klima sorgt hier häufig für reifere Frucht, weichere Säure und einen etwas großzügigeren Stil als in der Côte d’Or oder in Chablis. Wer die Region besucht, stellt einen bedeutenden Unterschied zum Chablis und zu den oberen Appellationen der Côte de Nuits fest. Hier, im Mâconnais zirpen schon die Zikaden und die Rhône ist nicht mehr allzu weit entfernt.
Gerade Bourgogne Chardonnay aus dem Süden Burgunds, wie der von Roc de Boutires bietet oft ein hervorragendes Preis-Genuss-Verhältnis. Es gibt hier zwar noch viel Massenanbau, gleichzeitig arbeiten viele Betriebe heute jedoch mit deutlich reduzierten Erträgen, biologischem Weinbau und präziserem Ausbau, wodurch die qualitativen Unterschiede zu prestigeträchtigeren Herkunftsgebieten kleiner geworden sind.
Das Burgund beginnt oft bei den regionalen Appellationen
Die Bourgogne AOP und ihre zahlreichen Unterkategorien zeigen heute vielleicht besser denn je, wie dynamisch das Burgund geworden ist. Während viele Grand Crus und Premier Crus preislich für viele kaum noch erreichbar sind, bieten die regionalen und subregionalen Appellationen weiterhin Zugang zur Stilistik und zum Terroir der Region.
Gleichzeitig findet gerade hier ein großer Teil der Entwicklung Burgunds statt: junge Winzergenerationen, biologischer Weinbau, alte Rebanlagen, höher gelegene Weinberge und neue Interpretationen traditioneller Rebsorten führen dazu, dass Bourgogne Aligoté, Hautes-Côtes oder Côteaux Bourguignons längst nicht mehr nur als einfache Basisweine gelten. Sie sind Aushängeschilder und bieten oft enorm viel Wein fürs Geld.
