Merlot – der sanfte Verführer aus Bordeaux
Die Geschichte des Merlot beginnt offiziell im späten 18. Jahrhundert in den Weinbergen von Libourne am rechten Ufer der Dordogne. Erstmals schriftlich erwähnt wurde er 1784 unter dem Namen "Merlau". Der Name leitet sich höchstwahrscheinlich vom französischen Wort für Amsel (merle) ab. Haben die Vögel eine besondere Vorliebe für die frühreifen, süßen Beeren? Sicher, aber noch wahrscheinlicher ist es, dass man die blauschwarze Farbe der Trauben mit dem Gefieder des Vogels verglichen hat. Lange Zeit stand der Merlot im Schatten des Cabernet Franc und des Cabernet Sauvignon – und wurde im Bordelais für einfachere Weine und als Cuvée-Partner für mehr Frucht genutzt –, bis man das Potenzial der Sorte auf den eisenhaltigen Böden von Pomerol erkannt hat. Heute ist der Merlot ähnlich wie der Cabernet Sauvignon eine weltweit gefragte Sorte.
Das Merlot-Image
"Nein, wenn irgendjemand Merlot bestellt, gehe ich. Ich trinke verdammt noch mal keinen Merlot!" so lautet das Zitat des zur Depression neigenden Wein-Snobs und passionierten Pinot-Noir-Liebhabers Miles Raymond in dem 2004 erschienenen Film "Sideways". Darüber könnte man schmunzeln, wäre dieser Film nicht zum Kultfilm avanciert, der sogar für einen messbaren "Sideways-Effekt" im kalifornischen Weinbau gesorgt hat. Der Anbau und Verkauf von Merlot ist danach vor allem im unteren Preissegment drastisch gesunken, während der Verkauf von Pinot Noir im Jahr nach Sideways um 18 % gestiegen ist. Die Weinwelt ist manchmal verrückt. Doch tatsächlich gibt es nicht unerheblich viele Vorurteile gegen den Merlot – und das schon lange. Selbst in Bordeaux galt er lange als wenig nobel. Tatsache ist: Die einfachen Weine aus der Rebsorte wirken oft deutlich banaler als die einfachen Weine aus Cabernet Sauvignon und vor allem Cabernet Franc. Doch wenn man die Sorte auf die richtigen Böden pflanzt und ihr genügend Aufmerksamkeit im Weinberg schenkt, dann können daraus einige der größten Weine der Welt entstehen. Das Image eines "Pétrus" oder "Masseto" basiert auf der Klasse der Rebsorte namens Merlot.
Botanik und Charakteristik: Frühe Reife und opulente Frucht
Während die Herkunft des Cabernet Sauvignons im Jahr 1996 per DNA-Analysen zweifelsfrei geklärt werden konnte, hat es beim Merlot bis ins Jahr 2009 gedauert. Das lag auch daran, dass eine der beiden Elternrebsorten des Merlot so gut wie ausgestorben ist. Es ist die Magdeleine Noire des Charentes. Das andere Elternteil aber ist bekannt und macht den Merlot zu einem Halbgeschwister des Cabernet Sauvignons, denn es ist der Cabernet Franc. 1783 wurde die Sorte erstmals unter ihrem heutigen Namen in Libourne erwähnt. Das fällt in den gleichen Zeitraum wie die erste Erwähnung des Cabernet Sauvignons. Es kann jedoch gut sein, dass die Sorte schon viel älter ist. Darauf deuten zum einen die Elternteile hin, zum anderen aber auch die enge Verwandtschaft mit den ebenfalls alten Sorten Carmenère, Malbec und Abouriou, drei weiteren Sorten des französischen Südwestens.
Im Gegensatz zum Cabernet besitzt der Merlot weniger Tannine und eine moderatere Säure, was ihn bereits in jungen Jahren zugänglich und verführerisch macht. Die Beeren des Merlot sind größer und saftiger als die des Cabernet Sauvignon, was zu einem höheren Zuckergehalt und damit zu einem potenziell höheren Alkoholgehalt führt. Im Glas manifestiert sich dies in einer weichen, fast cremigen Textur. Typische Primäraromen sind reife Pflaumen, schwarze Kirschen, Brombeeren und Marzipan. Mit der Reife im Eichenfass entwickeln sich Noten von Schokolade, Vanille und Mokka. Im Weinberg selbst kann man den Merlot als einen Opportunisten, aber auch als Mimose bezeichnen. Er treibt früh aus und reift früh ab – oft zwei bis drei Wochen vor dem Cabernet Sauvignon. Dies macht ihn in kühleren Regionen wie Bordeaux zu einer Art „Versicherungspolice“ gegen die gefürchteten Herbstregenfälle. Allerdings birgt der frühe Austrieb das Risiko von Spätfrösten im Frühjahr, und seine dünne Schale macht ihn anfälliger für Fäulnis. Eines der größten Probleme in der heutigen Zeit ist, dass er recht schnell Alkohol aufbaut und in seinen klassischen, aber vom Klimawandel geprägten Anbaugebieten mittlerweile gerne über 15 % Vol. Alkohol anreichert und damit auch ein Stück weit seiner Terroir-Typizität verliert.
Merlot in Bordeaux
Trotzdem, Bordeaux ist ohne Merlot kaum noch denkbar. Er ist mit über 60 % der roten Rebfläche der unangefochtene Flächenkönig der Region. Seine Rolle variiert jedoch dramatisch zwischen den beiden Ufern der Gironde. Am linken Ufer (Médoc & Graves) spielt er die Rolle des geschmeidigen Partners. Er wird dem Cabernet Sauvignon beigemischt, um dessen Gerbstoff-Strenge zu bändigen und dem Wein "Fleisch auf die Knochen" zu geben. Er füllt das aromatische Loch in der Mitte des Gaumens. Am rechten Ufer (Saint-Émilion & Pomerol) ist der Merlot der unbestrittene Star. Auf den Lehm- und Kalksteinböden findet er seine Idealbedingungen. In Pomerol, auf dem berühmten "Blauen Lehm", entstehen aus ihm Weine von fast erotischer Dichte und Samtigkeit. Man denke nur an Vieux Château Certan. Dazu kommen natürlich großartige Crus der Nachbarappellation Saint-Émilion, wo es mehr oder weniger hohe Anteile von Cabernet Franc in Weinen wie jenen vom Château La Vaisinerie Saint-Émilion oder dem Château Brun gibt. Weiterhin dominiert er die ganze Bandbreite an "Bordeaux AOP" und "Bordeaux Supérieur".
Globale Verbreitung: Vom „Sideways“-Effekt zur Weltspitze
Auch wenn sich in Kalifornien in Sachen Merlot nach "Sideways" etwas getan haben mag – weltweit ist die Sorte bis heute sehr beliebt. Allein in Frankreich stehen mit rund 112.000 Hektar mehr Weinberge unter Merlot-Reben als Deutschland in seiner Gesamtheit besitzt. Merlot kommt in Frankreich vor Cabernet Sauvignon und Grenache. Weltweit sind es um die 270.000 Hektar. Der Boom begann in den 1990ern und von Kalifornien bis Chile wurde Merlot zur Moderebe, was leider oft zu einer Flut von belanglosen, überreifen und charakterlosen Weinen führte. Insofern war "Sideways" durchaus genauso nützlich wie einige Jahre zuvor das Credo der "ABC-Trinker", also der "Anything but Chardonnay"-Fraktion, die sich ebenfalls gegen die Menge an belanglosen Getränke dieser Rebsorte wandte. Doch der Merlot hat sich erholt. In Italien hat er in der Toskana als Teil der "Super Tuscans" wie dem erwähnten Masseto oder als Cuvée mit Sangiovese wie im Mazzei "Siepi" Weltruhm erlangt. In der Schweiz, insbesondere im Tessin, bringt er elegante, fast burgundische Interpretationen hervor. Auch in Deutschland und Österreich gewinnt er durch den Klimawandel zunehmend an Bedeutung und liefert heute stoffige, tiefdunkle Rotweine, die vor 30 Jahren in diesen Breitengraden noch undenkbar gewesen wären.
Der Merlot als Speisenbegleiter: Ein Chamäleon am Tisch
Dank seiner weichen Textur und moderaten Säure ist der Merlot ein kulinarischer Allrounder. Er harmoniert hervorragend mit dunklem Fleisch, ohne die feinen Nuancen zu überdecken. Ein klassischer Pomerol, zum Beispiel aus dem Hause La Conseillante zu einer gebratenen Ente oder einem Lammrücken ist eine Sternstunde der Gastronomie.
Durch seine Pflaumenaromatik passt er aber auch überraschend gut zu herzhaften vegetarischen Gerichten, etwa zu Pilzen oder geschmortem Wurzelgemüse. Sogar zu kräftigen Käsesorten oder Gerichten mit einer leichten Bitterschokolade-Note in der Sauce macht er eine hervorragende Figur. Er ist der Wein, den man öffnet, wenn man sich nicht zwischen der Strenge eines Syrah und der Leichtigkeit eines Pinot Noir entscheiden kann – die goldene, samtige Mitte.
Fazit
Ganz ohne Zweifel ist der Merlot eine der großen und bedeutenden Rebsorten in Bordeaux und in Weinen, die vom Bordeaux-Stil geprägt sind. Doch in den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass der Merlot in manchen Bereichen vor allem vom Cabernet Franc verdrängt wird – weil dieser schlicht besser mit den Herausforderungen des Klimawandels, mit Hitze- und Trockenheitsperioden umzugehen weiß. Trotzdem ist die Zeit des Merlot längst noch nicht abgelaufen, er wird sich verändern. Der Merlot bleibt die demokratischste aller Edelreben und bildet die Brücke zwischen dem Gelegenheitsgenießer, der die weiche Frucht schätzt, und dem Sammler, der für einen Pomerol viel Geld ausgibt. Seine Fähigkeit, Textur und Fülle zu liefern, wo andere Sorten zu karg bleiben, macht ihn technisch unverzichtbar. Einerseits gibt es die Rückzugsbewegung in Bordeaux mit dem Ende der "Merlot-Monokultur" im Bordelais. Der Trend geht weg vom "marmeladigen" Stil der 2000er Jahre. Die Zukunft des Merlots liegt in der Frische. Konsumenten suchen heute nach Weinen, die trotz ihrer Weichheit eine gewisse Spannung besitzen. Weingüter, die den Erntezeitpunkt präzise nach vorne verschieben, um die natürliche Säure zu bewahren, werden den Merlot als Premium-Rebsorte neu definieren. Der Merlot wird seinen Status als meistangebaute Sorte Frankreichs langfristig wohl an den robusteren Grenache oder den anpassungsfähigeren Cabernet Sauvignon verlieren. Doch qualitativ wird er dadurch gewinnen: weniger Masse, mehr Klasse. Er wird sich von der "Überall-Rebe" zurück zu einer Sorte entwickeln, die dort glänzt, wo der Boden (Lehm!) und das Kleinklima seine Finesse unterstützen.









