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Der Name darf nicht leer sein.

Meursault – beurre et noisettes

Wenn es eine Appellation gibt, die den Mythos des weißen Burgunds wie kaum eine andere geprägt hat, dann ist es Meursault. Der Name steht weltweit für große Chardonnay-Weine mit Tiefe, Kraft, Mineralität und einer unverwechselbaren Verbindung aus Schmelz und Spannung. Gleichzeitig zeigt Meursault exemplarisch, warum Burgund bis heute als die vielleicht faszinierendste Herkunft für Weißwein überhaupt gilt. Denn obwohl hier ausschließlich Chardonnay wächst, entstehen in den unterschiedlichen Lagen Weine mit teils dramatisch unterschiedlichen Charakteren.

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Eines der berühmtesten Dörfer der Welt

Gerade einmal 1.400 Einwohner umfasst die Gemeinde Meursault, die man an der Côte de Beaune zwischen Volnay und Puligny-Montrachet findet. Obwohl sich das nach wenig anhört, ist die Gemeinde trotzdem das größte Dorf der Region. Gemeinsam mit Chassagne-Montrachet und Puligny-Montrachet bildet sie das Herzstück der großen weißen Bourgogne. Anders als seine Nachbarn besitzt Meursault jedoch keinen eigenen Grand Cru. Dass die Appellation trotzdem zu den prestigeträchtigsten der Welt gehört, zeigt bereits, welchen Ruf ihre Premier-Cru-Lagen genießen.
Die besten Weine aus Meursault verbinden Konzentration mit Präzision, Kraft mit Eleganz und Reife mit Frische. Sie zählen zu den langlebigsten und komplexesten Chardonnay-Weinen überhaupt und gelten vielen Weinliebhabern als Inbegriff des klassischen weißen Burgunds.

Kalk, Mergel und die goldene Mitte der Côte de Beaune

Geologisch liegt Meursault auf jener berühmten Verwerfungskante der Côte d’Or, die sich vom Norden Burgunds bis weit in den Süden zieht. Der Hang öffnet sich hier leicht nach Osten und Südosten und profitiert von einer optimalen Sonneneinstrahlung. Gleichzeitig sorgt die Höhenlage der besten Weinberge für ausreichend Frische und Luftzirkulation.
Die Böden bestehen vor allem aus Kalkstein, Mergel und tonhaltigen Formationen des Jura. Gerade die Verbindung aus Kalk und Lehm spielt in Meursault eine entscheidende Rolle. Während die kalkreicheren Böden für Spannung, Präzision und Mineralität sorgen, verleiht der höhere Tonanteil vielen Weinen ihre charakteristische Dichte und Cremigkeit.
Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu Puligny-Montrachet. Während Puligny häufig linearer, straffer und kühler wirkt, präsentiert sich Meursault oft etwas großzügiger, cremiger und texturreicher. Gleichzeitig besitzen große Meursaults aber genügend Kalkspannung und Säure, um niemals schwer oder breit zu erscheinen.
Die Stilistik oder Aromatik der Weine wird in der Welt französischer Sommeliers gerne als "beurre et noisettes", also Butter und Haselnuss bezeichnet. Warme Butter wohlgemerkt, dazu Brioche, geröstete Mandeln oder reife Zitrusfrüchte. Tatsächlich kann Meursault im Vergleich zu anderen weißen Burgundern opulenter wirken. Große Weine besitzen jedoch immer auch eine salzige, steinige und oft fast rauchige Mineralität, die ihnen Tiefe und Energie verleiht und diese Opulenz perfekt zu balancieren vermag.

Vom Bauerndorf zur Ikone des Chardonnay

Historisch war Meursault lange deutlich weniger prestigeträchtig als die benachbarten Gemeinden Montrachet oder Corton. Zwar wurde bereits im Mittelalter Weinbau betrieben, doch galten die Weine über Jahrhunderte eher als kraftvolle und zuverlässige Bourgognes denn als aristokratische Spitzengewächse. 
Dass Meursault heute fast ausschließlich mit Weißwein verbunden wird, ist dabei historisch betrachtet keineswegs selbstverständlich. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein spielte Rotwein sogar eine deutlich größere Rolle. Wie in vielen Teilen der Côte de Beaune wurden ursprünglich sowohl Pinot Noir als auch Chardonnay angebaut, wobei die Grenzen zwischen den Rebsorten und Weinfarben ohnehin fließender waren als heute, da man oftmals mehrere Sorten zusammen verarbeitet und rote Sorten wie weiße gepresst hat.
Der Wandel setzte im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert ein. Bereits im frühen 19. Jahrhundert galt Meursault zunehmend als Herkunft großer Weißweine. Ausschlaggebend dafür war die Erkenntnis, dass die kalk- und tonreichen Böden sowie das etwas wärmere Mesoklima der Gemeinde Chardonnay außergewöhnlich gut lagen. Gleichzeitig erwiesen sich viele Parzellen für Pinot Noir als weniger ideal als etwa die stärker kalkgeprägten Nachbarlagen in Volnay oder Pommard.
Spätestens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts dominierte Weißwein wirtschaftlich und qualitativ klar die Region. Dazu kam die Nähe zu den Handelshäusern in Beaune, die weiße Bourgognes international immer erfolgreicher vermarkteten. Nach der Reblauskrise Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele Weinberge neu bepflanzt – und dabei häufig bewusst auf Chardonnay umgestellt. Dieser Prozess verstärkte sich im 20. Jahrhundert nochmals deutlich. Heute sind von den rund 400 Hektar Rebfläche nur noch wenige Dutzend Hektar mit Pinot Noir bestockt. Die rote Appellation Meursault Rouge existiert zwar weiterhin, spielt aber im internationalen Vergleich kaum eine Rolle.

Eine Appellation ohne Grand Cru – und doch voller großer Lagen

Die vielleicht größte Besonderheit Meursaults ist das Fehlen eines Grand Cru. Während Puligny-Montrachet und Chassagne-Montrachet mit Montrachet, Chevalier-Montrachet, Bâtard-Montrachet oder Criots-Bâtard-Montrachet einige der berühmtesten Weinberge der Welt besitzen, gibt es innerhalb der Gemeindegrenzen von Meursault keinen einzigen Grand Cru. 
Woran liegt das? Tatsächlich gehört das zu den großen historischen Eigenheiten Burgunds – und wird bis heute diskutiert. Die offiziellen Grand-Cru-Klassifikationen entstanden in ihrer heutigen Form erst in den 1930er-Jahren mit den AOC-Regelungen. Dabei orientierte man sich stark an historischen Preisstrukturen, Reputation und politischen beziehungsweise wirtschaftlichen Einflüssen der damaligen Zeit. Während die berühmtesten Grand Crus der Côte de Beaune rund um den Montrachet-Hügel seit Jahrhunderten als nahezu konkurrenzlos galten, fehlte Meursault diese historisch wichtige symbolische Strahlkraft. Hinzu kommt, dass die besten Lagen von Meursault stilistisch oft breiter und kraftvoller wirkten als die aristokratisch-linearen Weine aus Montrachet oder Chevalier-Montrachet. In der damaligen Wahrnehmung wurden sie deshalb eher als große Premier Cru denn als höchste Kategorie angesehen.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Qualität geringer wäre. Vielmehr besitzen zahlreiche Premier-Cru-Lagen ein Niveau, das problemlos mit vielen Grand Crus konkurrieren kann. Manche Beobachter sehen in der historischen Klassifikation sogar eine gewisse Ungerechtigkeit gegenüber Meursault. Besonders berühmt sind die Premier Crus Perrières, Charmes und Genevrières. Sie gelten als die eigentliche Spitze der Gemeinde.

Les Perrières

Perrières ist vermutlich die prestigeträchtigste Lage Meursaults. Der Name verweist auf die steinigen Böden und ehemaligen Steinbrüche (pierre = Stein). Hier entstehen die mineralischsten, straffsten und langlebigsten Weine der Appellation. Viele Burgund-Liebhaber betrachten Perrières als einen "inoffiziellen Grand Cru" und entsprechend werden die Weine auch bepreist. Die Weine verbinden eine enorme Spannung mit großer Tiefe. Oft wirken sie zunächst eher zurückhaltend und entfalten ihre ganze Größe erst mit Reife. Dann zeigen sie eine beeindruckende Mischung aus Kalk, Rauch, Zitrusfrucht und salziger Intensität.

Les Charmes

Charmes präsentiert sich meist etwas großzügiger und früher zugänglich. Die Böden besitzen mehr Lehmanteile, wodurch die Weine cremiger, voller und schmelziger wirken können. Große Charmes verbinden diese Opulenz jedoch mit einer bemerkenswerten Balance. Gerade in warmen Jahrgängen entstehen hier besonders expressive und sinnliche Weine, die den klassischen Meursault-Stil mit seiner buttrigen und nussigen Aromatik exemplarisch verkörpern.

Les Genevrières

Genevrières gilt häufig als die eleganteste der großen Premier-Cru-Lagen. Die Weine wirken oft feiner und floraler als Charmes, gleichzeitig etwas zugänglicher als Perrières. Viele besitzen eine fast seidige Textur und enorme Präzision. Daneben existieren zahlreiche weitere herausragende Premier Crus wie Poruzots, Bouchères, Goutte d’Or oder Caillerets, die je nach Erzeuger spektakuläre Qualitäten erreichen können.

Die Stilistik von Meursault

Kaum eine andere Chardonnay-Herkunft besitzt eine derart prägnante und gleichzeitig komplexe Stilistik wie Meursault. Typisch sind die teils schon angeprochenen Aromen von reifen Zitronen, gelbem Apfel, Birne, Haselnuss, gerösteten Mandeln, Brioche und Butter. Hinzu kommen oft rauchige, kreidige oder steinige Noten. Allerdings hat sich der Stil der Region in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Während in den 1980er- und 1990er-Jahren häufig ein stärker oxidativer und vom Holz geprägter Stil dominierte, arbeiten viele Spitzenbetriebe heute präziser, reduktiver und frischer.
Das heißt also, dass die Balance zwischen Konzentration, Holzeinsatz und Mineralität feiner geworden ist und die besten Weine heute transparenter und terroirgeprägter wirken als noch vor einigen Jahrzehnten. Trotzdem bleiben die typische Aromen präsent und der "sense of place" absolut nachvollziehbar.
Holz spielt dabei weiterhin eine zentrale Rolle. Große Meursaults werden fast immer im Barrique ausgebaut, oft mit einem gewissen Anteil neuer Fässer. Entscheidend ist jedoch die Integration. Das Holz soll Struktur und Komplexität liefern, nicht dominieren. Gleichzeitig besitzen die Weine häufig ein langes Hefelager, das zusätzliche Tiefe und Cremigkeit erzeugt. Gerade diese Verbindung aus kalkiger Spannung und texturaler Dichte macht den Reiz großer Meursaults aus.

Premox – die große Krise des weißen Burgunds

Kaum ein Thema hat Meursault und andere weiße Burgunder in den vergangenen Jahrzehnten so geprägt wie die sogenannte Premox-Problematik, also die vorzeitige Oxidation vieler Weine. Vor allem Jahrgänge der 1990er- und frühen 2000er-Jahre zeigten teils massive Probleme. Selbst hochklassige und teuerste Weine alterten ungewöhnlich schnell und verloren früh ihre Frische. Die Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Diskutiert wurden unter anderem geringere Schwefelgaben, Veränderungen bei den Korken, stärkeres Bâtonnage oder moderne Pressmethoden oder ein zu häufiges Abziehen oder Umpumpen. Für viele Sammler war dies ein Schock, da gerade große weiße Burgunder traditionell für ihre Langlebigkeit geschätzt wurden.
Inzwischen gilt die Problematik weitgehend als kontrolliert. Viele Produzenten arbeiten wieder mit etwas höheren Schwefelwerten, präziserem Sauerstoffmanagement und sorgfältigerem und deutlich schonenderem Ausbau. Gleichzeitig haben sich auch die Verschlusstechnologien verbessert. Heute zeigen große Meursaults wieder jenes enorme Reifepotential, das die Region berühmt gemacht hat.

Große Produzenten und stilistische Vielfalt

Die Liste berühmter Domaines in Meursault ist lang und reicht von historischen Familienbetrieben bis zu modernen Kultproduzenten. Namen wie Coche-Dury, Roulot, Comtes Lafon oder Arnaud Ente haben den Ruf der Appellation weltweit geprägt. Dazu kommen exzellente Erzeuger wie Michel Bouzereau & Fils und die Domaine Jobard-Morey.
Besonders spannend ist dabei die stilistische Vielfalt. Während einige Betriebe bewusst reduktiv arbeiten, setzen andere stärker auf klassische Burgunder-Fülle und eine geregelte Oxidation. Manche Weine wirken nahezu elektrisch und puristisch, andere sinnlich, cremig und tief. Genau diese Unterschiede machen Meursault für Liebhaber so faszinierend. Es gibt nicht den einen Stil, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen derselben Herkunft.

Meursault und die große Küche

Große Meursaults gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Weißweinen der Spitzengastronomie. Ihre Verbindung aus Kraft und Frische erlaubt eine enorme Bandbreite an Kombinationen. Klassisch sind Gerichte mit Butter, Sahne oder Krustentieren. Hummer, Jakobsmuscheln oder Steinbutt harmonieren perfekt mit der cremigen und gleichzeitig mineralischen Struktur der Weine. Ebenso hervorragend funktionieren Geflügelgerichte mit Morcheln oder Kalb in hellen Saucen.
Gereifte Meursaults entwickeln zudem oft komplexe nussige und würzige Aromen, die hervorragend mit Trüffelgerichten oder gereiftem Comté harmonieren. Vor allem aber besitzen große Meursaults jene seltene Fähigkeit, sowohl intellektuell faszinierend als auch unmittelbar sinnlich zu sein. Sie verbinden analytische Präzision mit Genuss und Opulenz.

Fazit

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis von Meursault. Die Weine besitzen häufig mehr Volumen und Textur als viele andere große weiße Burgunder und bewahren dennoch eine enorme Transparenz für Herkunft und Terroir. Große Meursaults sind niemals bloß "rich" oder cremig, wie viele ihrer Epigonen, die über Jahrzehnte hinweg zwar die Buttrigkeit kopieren konnten, nicht aber die exzellenten Säurestrukturen und die Mineralität. Meursaults leben von ihrer inneren Spannung, von Kalk, Frische und Energie. Gerade deshalb altern sie oft so beeindruckend. Mit Reife gewinnen sie an Tiefe, ohne ihre Balance zu verlieren.